Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1865)
- Date
- 1865-07-18
- Page
- Seite 446 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226473-3226503--23192-3250487- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
werden kann, in einem Asyle unterzubringendas unter der Leitung eines jüdischen Arztes steht. Obwohl es derart Bedrängte gewiß viele unter uns giebt — denn wir sind in diesem Punkte nicht minder als die Mitglieder anderer Confessionen heimgesucht, ja, eS kommen, nach den Erfahrungen der Statistik, in einigen Ländern unter Juden sogar verhältnißmäßig mehr Seelenstörungen als unter Christen vor — so war doch unbegreiflicher Weise bisher von keinem jüdischen Arzte in Deutschland der Versuch gemacht, für gemüths- und geisteskranke Israeliten eine Zufluchtsstätte zu errichten. Unseres Wissens existirt eine solche Anstalt nur in Amsterdam. Unser mit Recht gerühmter WohlthätigkeitSsinn hat uns zwar jüdische Krankenhäuser für körperliche Leiden und Gebrechen gründen lassen, doch die Seelen gestörten scheinen von der Wohlthat solcher Humanitäts-Anstalten ausgeschlossen zu sein. Unter diesen Verhältnissen wird es gewiß mancher Leser dieses Blattes nicht ohne Interesse wahrnehmen, daß neuerdings in Bendorf bei Coblenz ein Asyl für Gemüths- und Geisteskranke und für geistesschwache Kinder israelitischer Religion eröffnet ist, welchem Herr vr. Lissauer, ein jüdischer Arzt und Psychiatriker von Fach, vorsteht. Nicht nur werden hier alle Kranken den rituellen Vorschriften unserer Religion gemäß leben können, sondern es wird auch besondere Rücksicht den Kindern gewidmet, indem deren Erziehung und Unterricht einem israelitischen Lehrer übertragen ist. Wir begrüßen dieses humane Unternehmen, das einem längst gefühlten Bedürfniß Rechnung trägt, mit Freuden und wünschen, daß es segensreich wirken möge. Oesterreichijcher Kaiserstaat. Prag, Ende Juni. (Privatmitth.) Als ich unlängst in Ihrem geschätzten Blatte bedauerte, daß die Herren Wahle und Osers nicht in die Repräsentanz gewählt wurden, konnte ich freilich nicht ahnen, daß dieser Wunsch so bald in Erfüllung gehen werde. Die erste Wahl wurde nämlich angefochten, worauf die Gewählten freiwillig die Wahl ablehnten. Die zweite Wahl brachte nun die erwähnten Herren in die Repräsentanz. Die Constituirung hat bereits stattgtzfunden: zum Vorsitzenden wurde wiederum Herr E. W e h l i, und zum'Stellvertrer Herr vr. Wiener gewählt. Auch von Seite, der. Tempel-Gemeinde hat eine. G e n e r a l -Versa mm l u n g stattgefunden. Der frühere Vorstand wurde wieder gewählt, desgleichen bie, meisten Mitglieder des bisherigen Beirathes. Neugewählt wurden Hr. Dr. Braun als Secretär und Hr. Stark als Beirath. Ich behalte mir vor, über diese General-Versammlung und die darin gefaßten Beschlüsse ausführlich zu berichten. Unser R äp oport geht mit Nächstem zum Cur-Gebrauch nach Teplitz; doch können wir den zahlreichen Freunden und Verehrern R.'s die beruhigende Versicherung geben, daß der -edle Greis — bis auf ein gefahrloses Fußleiden f— sich vollkommen wohl befindet. Austerlitz (Mähren), 27. Juni. (N. fr. Pr.) Es giebt in unserem Kronlande wohl manche Stadt, die aus zwei politisch getrennten Gemeinden (Juden- und Christengemeinde) besteht, von denen jede ihre eigene Gemeinderepräsentanz besitzt, die aber nichtsdestoweniger factisch nur eine Stadt bilden, und wird auch das Steuerquotum nach der Gesammt-Einwohnerzahl, nicht aber nach der der Gemeinden berechnet. Dies Verhältniß gab bereits an verschiedenen Orten zu localen Conflicten wegen der Wochenmarkt-Angelegenheiten Anlaß. Bekanntlich bestehen die Wochenmärkte nur zu Gunsten der Producenten der Stadt, und da die Märkte in der innern Stadt abgehalten werden, wollte man diese Marktrechte als nur für die Glieder der Christengemeinde gelten lassen. Auch bei der in unserer Gemeinde neu eingeführten Marktordnung veranlaßt dieser Punkt einige Schwierigkeiten. Die Gemeinde-Repräsentanz überging denselben diplomatisch, doch der Bezirksvorstand entschied, daß in allen Punkten der Marktordnung in den Pflichten sowie in den Rechten und Begünstigungen die Glieder der Judengemeinde mit denen der Christengemeinde ganz gleich zu halten seien, und wo diesen eine Befreiung vom Standgeld u. s. w. zusteht, diese Begünstigung auch den Israeliten im Orte zu Theil werden soll. In ganz gleicher Weise hatte früher schon der Bezirksvorstand von Boskowitz und auch an anderen Orten entschieden,''so daß es jetzt kaum mehr eine Stadt in Mährem geben dürfte, in welcher in dieser Beziehung noch eine Sonderstellung der Juden existirt. Wie soeben migetheitt wird, wurde die neue Marktordnung mit den zeitentsprechenden bezirksrichterlichen Beisätzen von der Brünner Händelskammer'gutgeheißeri.