Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1865)
- Date
- 1865-07-18
- Page
- Seite 440 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Dann-braucht die junge Mutter beim ersten Kinde nicht den Rath aller, alten Weiber, um danach unselbstständig ihre erzieherischen V e r s u ch e zu ^machen, die häufig unglücklich genug ausfallen. Die Aufgabe-unsrer Zeit ist es, eine Erziehungs-Wissenschaft in Kraft treten zu lassen, welche das, Experimen Liren ausschließt, gesunde Kinder unS zu erziehen gewährt. Um aber E r z i e h u n g s p r a x i s zu erholen, müssen junge Mädchen in Kleinkinderbewahranstalten und Kindergärten beschäftigt werden. DieS sind praktische Bildungsanstalten, in denen die körperliche und geistige Pflege des Kindes studirt wird. Wenn Ihr dem jungen Mädchen in der Wiege schon die Puppe gebet, später dann die Puppenstube hinzufüget, weil Ihr in dem Spiele des Kindes die künftige Berufsthätigkeit vorbereiten wollet, so lasset auch später die erwachsene Jungfrau in Pflanzungen werkthätiger Tugend sich heranbilden, damit nicht die junge-Mutter vor dem eigenen Kinde unwissend und unselbstständig dasteht und den großen Fehler empfindet, den die Erziehung und Gesellschaft begeht. Ist es denn eine Kleinigkeit um ein solch anvertrautes Pfand, um ein unter Schmerzen gebornes und mit Liebe an's Mutterherz gedrücktes Wesen, das inmitten, der verwickelten Zustände der heutigen Gesellschaft mit allen ihren abenteuerlichen Moden, ihren verschrobenen Ueberlieferungen erzogen werden soll, worüber der jungen Mutter jede Kenntniß abgehl! Dieser Fehler ist nur zu beseitigen, wenn Ihr auf die Puppenstube die theoretische Vorbereitung der Töchterschule und auf diese die praktische Ausbildung des Kindergartens folgen lasset. Darin kann auch die unverheirathete Jungfrau die größte und reinste Quelle menschlicher/Zufriedenheit sich erwerben, daß sie werkthätig dem Dienste im Vaterlande für die Menschheit sich widmet, und dadurch eine würdige Lebensaufgabe, mit dem befriedigenden Bewußtsein erfüllter Pflicht, sich geschaffen. Mögen diese kurzen Mittheilungen die Aufmerksamkeit denkender und erfahrener Frauen erregen, die darin enthaltenen Gedanken sich verwirklichen. Glücklich die Familie, welche in sich selbst alle Elemente der Erziehung vereinigt und sie von Geschlecht zu Geschlecht übertragen kann! Aber sicherlich ist dies nicht die Mehrzahl der bestehenden Familien. Zu ihrem Besten müssen neue Mittel der Erziehung gefunden werden, wenn die ganze Gesellschaft möglichst gesunden und auf sichere Grundlagen gebaut werden soll. Haben wirklich die Juden Jesimr Zckreu?ig1? (Schluß von Art. II.) Nach Strauß trat auf dem Gebiete der Kritik der Evangelien besonders die Tübinger Schule hervor, welche von dem Gesichtspunkte ausging, daß der. schon in der ersten Zeit des Christenthums entstandene Kampf -zwischen den Iudenchristen und Heivenchristen sich auch schon in den Evangelien abspiegelt und Interpolationen derselben bewirkte. Jene nämlich wollten auf dem Boden des Judenthums verbleiben, das Gesetz aufrecht erhalten und mit den Heiden nichts zu thun haben. Diese hingegen sahen die heidnische Welt als die eigentliche Stätte des Christenthums an und wollten das Gesetz aufgehoben wissen. Ihr Führer war Paulus. Viele Widersprüche in den Auslassungen der Evangelisten er-' klären sich aus den verschiedenen Einschiebseln und Veränderungen, welche die beiden Parteien in diesen Büchern Vornahmen. Hierüber zur Klarheit zu kommen, war das Bestreben der Tübinger Schule. Auf diesem Grunde nun schließt sich der neueste jüdische Geschichtschreiber, Dr. H. Grätz, den Kritikern an. In einem besonder« Kapitel „über den Ursprung des Christenthums" in der 2. Aufl. des III. Bd. feiner „Geschichte der Juden*)" behandelt er diesen Gegenstand in origineller und scharfsinniger Weise, und hält dabei die Linie einer gemäßigten und besonnenen Kritik ein. Seine Ansicht geht dahin, daß der Stifter der christlichen Religion seine Lehren - aus dem Effäerthum gezogen, und dieser Sekte angehängt habe. Sehen wir nun, wie Grätz unfern hesondern Gegenstand behandelt. Schon den Bericht über Jesu Einzug in Jerusalem findet er sagenhaft. „Das Volk soll ihn im Triumphe unter Hosiannagesang nach Jerusalemgeleitet haben. Aber auch dasselbe Volk soll einige Tage später seinen Tod verlangt haben. DaS Eine wie das Andere ist wohl erdichtet, das Eine, um seine Anerkennung als Messias von Seiten des Volkes darzustellen, das Andere, um die Blutschuld seiner Hinrichtung auf das. *) Wir bemerken hierbei, daß dieses Capitel von dem Herrn Verf. in der ersten, vom „Institute zur Förderung israelitischer Literatur" herausgegebenen Auflage auf Veranlassung der Leiter desselben aus äußeren, nicht hinwegzuräumenden Ursachen weggelaffen worden. Dasselbe ist auch besonders gedruckt und von Oskar Leiner in Leipzig zu beziehen. '