Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1865)
- Date
- 1865-07-11
- Page
- Seite 429 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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fallende Erscheinung., noch.,aufsallender-macht^ ist die Schwäche der angeführten Motive. Rührend ist die fast zärtliche Sorgfalt für dach leibliche Gedeihen.der,„armen jüdischen Bevölkerung"; nur scheint, sie uns nicht am rechten Orte angebracht, da doch gerade d i e s e es ist, für deren geistiges Gedeihen gesorgt werden soll und muß. Die Wohlhabenden und Bemittelten suchen und finden auch Mittel, ihre Kinder etwas lernen, zu lassen. Gerade die vom Schulgeld, mehr minder befreite „arme jüdische Bevölkerung" hat das Meiste von einer Schule zu hoffen und würde daher gewiß gerne dies Opfer bringen, wenn sie weiß, daß ihre Kinder dafür etwas Nützliches lernen. Heutzutage dürfte, unseres Erachtens, nicht mehr wie in den Zeiten des hohen Alterthums die Fleischtöpfe Aegyptens — die etwaige Erhöhung des Fleischpreises. schwerer wiegen, als die Dringlichkeit der Ermöglichung der sittlichen und intellektuellen Veredelung der galizisch-jüdischen Masse.*) Nicht stichhaltiger scheint uns das zweite Motiv: „daß ein nicht unbedeutender Theil der isr. Insassen gegen die beantragte Einführung des Koscherfleischaufschlages Einsprache erhoben." Sollte es denn der hies. Statth.-Com. in Krakau und der löbl. Kreisbehörde in Tarnow nicht bekannt sein, auf welche Art hier Unterschriften gesammelt werden, wenn es *) Daß auch höheren Orts diese Ansicht getheilt wird , geht aus einem h. Statthalter« - Erlaß d. d. Lemberg 8. März 1S61 Z. 6847.hervor. Dieser erwähnt nämlich anerkennend des Anerbietensder Tarnower Gemeinde v. I. 1857, sowie die Ablehnung Seitens der damaligen Krakauer Landesregierung vom 21. Mai 1858 Z. 4911, wegen Unzulässigkeit des Koscherfleisch-Aufschlages, und schließt mit den Worten: Bei den gegenwärtig geänderten , Verhältnissen dürfte die Bewilligung eines Koscherfleisch-Aufschlages zur Gründung eines Fondes für die. pro.jectirte isr.-deutsche Hauptschule keinem Anstande unterliegen, besonders wenn erwogen wird, daß auch die isr.-deut scheu Hauptschulenin Lemberg, Tarnopol und Brody aus diesem Aufschläge dotirt sinh." So im Mai 1861, unmittelbar nach der Uebernahme des Staatsministeriums Seitens des Freiherrn v. Schmerling, der sich bekanntlich „Wissen ist Macht" zur Devise gewählt hat. 4 -Jahre später findet die hies. Statth.-Com. in Krakau im Einvernehmen mit der k. k. Finanz-Landes- Direction „diesem Anträge kein? Folge zu geben." Sehr natürlich. Im Osten geht die Sonne , auf, im Westen geht sie unter. C o r r e s p. gisi/das JnsHbenrufen eines fortschrittlichen Institutes zuMrhiydern? Man lasse es nur einmal versuchsweise darauf ankommen, die auf diese Weise — auf agitatorischem Wege — zusammengebrachte Anzahl von Namen mit den Trägern derselben commissionell zu identifiziren, um sich von der Berechtigung einer derartigen schulfeindlichen Demonstration zu überzeugen! Im Gegentheil scheint uns gerade der Amstand, daß der Impuls zur Gründung einer Anstalt, die in allen — auch den kleinsten — Gemeinden der andern von Israeliten bewohnten österreichischen Kronländer als Alpha und Omega gemeindlichen Lebens betrachtet wird, erst von Oben ausgehen muß, um von den Vorständen einer so stark bevölkerten jüdischen Gemeinde nur Akistands halber angenommen zu werden; daß ferner gegen diesen gemeindevorständlichen Beschluß dann hinterdrein gewühlt und demonstrirt, die - Massen allarmirt, Bogen zum Unterzeichnen kolportirt — Vorgänge, hie man sonst nur aus den Fürstenthümern oder etwa dem Marokkanischen Kaiserreiche zn vernehmen pflegt — und die Behörden von einer Unzahl voü Unterschriften in schulfeindlichem Sinne' behelligt werden; mit einem Worte: alle nur erdenklichen Hebel in Bewegung gesetzt werden; dieserUmstand allein scheint mehr als alles Andere für die Dringlichkeit der endlichen Durchführung der fraglichen Angelegenheit zu sprechen und der vollsten Aufmerksamkeit der h. Regierung würdig. —So anerkennens- und dankenswerth es auch ist, wenn auf die innere Entwickelung selbstständiger Körperschaften kein Druck von Oben geübt wird, so sehr scheint uns bei.den noch immer, vorherrschenden Verhältnissen der Judenschaft in den polnischen Ländern eine Art von Bevormundung geboten, da gerade in diesen Ländern der Uebersprung aus den finstern, mittelalterlichen Zuständen in die Helle, lichte Neuzeit, ohne alle Vorbereitung, ohne vorhergegangene, naturgemäße, allmähliche Ent- ' Wickelung, sittlich und intellektuell die nachtheiligsten Wirkungen hervorgebracht. In Deutschland ebnete die Mendelssohn'sche Periode die Bahn für eine schönere. Zeit; in Böhmen, Mähren und großentheils auch in Ungarn hatte, der Schulzwang den Erfolg-, daß ge-- genwärtig auch die kleinsten Gemeinden unter der Leitnng von zeitgemäß gebildeten Rabbinern, Predigern'.' und Vorständen sich des besten Gedeihens erfreuen. Nur Galizien, wo einerseits das dichte Gewölk des finstern Chasstdimthums das Hereindringen der Lichtstrahlen 28