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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-07-11 · Heft 28 (11.7.1865) · p. Seite 425

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 28 (11.7.1865)
Date
1865-07-11
Page
Seite 425 (sequence 5)
Language
German
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425 lehre der Volksreligion machen und den Kreislauf des göttlichen Wesens durch Naturformen uud Wandlungen für Gräuel halten und verabscheuen. „In den heiligen Schriften der Hebräer begegnen wir fast sämmtlichen Formen der Dichtungsarten in hoher Vollendung, mit Ausnahme der dramatischen. Die Bücher Mosis dürfen für ein göttliches Epos gelten, dessen Held das auserwählte Volk. Ihre religiöse Lyrik ist die erhabenste Poesie der Gottesverherrlichung und der Siegesgesänge zum Ruhme des Herrn. In den Propheten weht ein gottdurchflammter Zorngeist, ein verzehrendes Feuer heiliger Strafermahnung, abwechselnd mit dem f egenvollsten Tröste', mit der zärtlichsten Innigkeit und frommbegeisterter Liebe für das Volk Gottes. Mit diesem heiligen Zorngeiste verglichen, erscheint die zornwüthige Satire, die rabies des Archilochus z. B., wie die Geißel in der Hand eines Sklavenvogtes gegen die feurige Strafruthe eines Kometen in der Hand Gottes. Und im Vergleich mit der biblischen heiligen Liebesinnigkeit und Süße, glüht Sappho's. zärtliche Sehnsuchtsbrunst, eine lyrisch enthusiastische Nymphomanie, wie Eros' Fackel in Aphrodite's rofenduftigem Lustgemache, verglichen mit dem rosigen Glanze des Liebessternes in Sommernächten, durchklagt vom schmelzenden Ach seelenvoller' Nachtigallen. Welche Elegik, welche Threnodien sind an Größe des Gegenstandes und tieffluthender Betrübniß mit dem Trauerliede des Jeremias, den Bußpsalmen zu vergleichen? Welches erotische Idyll möchte in zärtlicher Lust süßer, düstetrunkener Liebesmystik Salomo's Lieder der Liebe übertreffen? Muß nicht Anakreon dagegen wie ein lallender, von Wein und Knabenschönhert berauschter alter Sünder und Lüstlingsgreis erscheinen? Die dramatische Form vermißt man allein bei dem Volke Gottes, nicht weil die Samen dazu nicht reichlich vorhanden wären, oder die Geistesempfänglichkeit dafür den Hebräern abging. Die Geschichte Ioseph's enthält Alles zu dem schönsten und beweglichstell Schauspiel bis auf die Form. Weit näher noch steht dem Drama Hiob, dem zum Drama, zum Passionsspiel, zur Mysterie nur die beabsichtigte Nachahmung, das Spiel eben, und die in Handlung gesetzte Dialektik der großen offenen Frage der Menschheit anstatt der Verhandlung über dieselbe fehlt. Die Vorstellung von der Vorsehung als geistiger Gottesperson, die unfchaubar, übersinnlich und bildlos ist, widerstrebt jeder symbolischen oder bildlichen Darstellung göttlicher Offenbarungen. Dramatische Bewegung, Nachahmung einer Handlung vollends, das mußte der biblischen Anschauung als ein frevelhafter Eingriff in Gottes ausschließliches Schöpferrecht auf Welt- und Menschenschaffung erscheinen, und in, eine Schöpfungsweise, die jede Zeitbewegung zwischen Machtspruch und Sein auslöscht: „Gott sprach und es ward"; die folglich das Werden aufhebt, die Grundkategorie der dra-. malischen Form." Es zeugt von einem tief ethischen Sinne und einem wahren Verständniß echter Poesie, wenn unser' Verfaffer hier, bei aller seiner Vorliebe und Bewunderung griechischer Dichtkunst, dennoch nicht ansteht, der hebräischen Poesie, trotzdem, daß ihr die höchste poetische Kunstentwickelung abgeht, ihres inneren Gehaltes wegen den Preis vor der griechischen zuzuerkennen. Das ist eine notwendige Folge seines Kunstprinzips, daß das Schöne von dem Guten nicht getrennt sein könne , daß jedes wahre Kunstwerk auch eine ethische Tendenz haben müffe. Unsere neuesten Aesthetiker und Kunstrichter, denen die Kunst Selbstzweck ist und die von ihr nichts verlangen, als eine vorübergehende Lust, einen angenehmen Rausch, ignoriren die hebräische Poesie entweder ganz, oder sehen vornehm auf sie herab; im besten Falle wiederholen sie, was Herder bereits vor hundert Jahren gesagt hat. Von einem tieferen Studium biblischer Poesie ist kaum noch eine Spur vorhanden. Religiöse und nationale Vorurtheile oder die Furcht, den Theologen und den Frommen Anstoß zu geben, lassen nicht mehr wie zu Herder's Zeiten ein unbefangenes Urtheil zu. Im Volke hat man den Sinn für die Poesie des alten Testaments gründlich durch die Schule und Kirche ausgerottet, und den Gebildeten steht sie ebenso fern, wie die japanesische und chinesische. Luther's in ihrer Art treffliche Bibelübersetzung genügt doch unserm heutigen Bildungsstande nicht mehr, und wlr können aus ihr so wenig die poetischen Vorzüge der Bibel erkennen, als wenn Jemand die Schönheiten des Sophokles aus der zu ihrer Zeit ganz guten Uebersetzung der Antigone von dem schlesischen Dichter Martin Opitz kennen lernen wollte." Zeitungsnachrichten. Preußen. Neuß bei Cöln, im Juli. (Privatmitth.) Wenngleich das Vomrtheil, welches man so gern gegen Israel

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