Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1865)
- Date
- 1865-07-11
- Page
- Seite 423 (sequence 3)
- Language
- German
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423 da er tiefe ohne Noth in ein so schlechtes Licht setzte. Strauß geht nun die ganze Geschichte des Verhörs vor Pilatus durch, und zeigt das Widersprechende und Absichtliche in jedem einzelnen Zuge! Es ist nach ihm undenkbar^ daß Pilatus immer wieder Versuche, Iesum zu retten, macht und dann , mittels der improvisirten Scene der Händewaschung die Unschuld Jesu feierlich bezeugt, und noch undenkbarer, daß das versammelte Volk die Schuld, ausdrücklich sich und seinen Kindern aufladet. Das Letztere sei offenbar erfunden, um den furchtbaren Ausgang des jüdischen Staates als die an den Kindern vollzogene Strafe für das von den Vätern vergoffene Blut Jesu hinzustellen. Pilatus konnte aber sicherlich seine eigene Schwäche und Feigheit nicht also an den Pranger gestellt haben. Der erste Evangelist habe dies auch gefühlt und habe deshalb den warnenden Traum der Gattin des Pilatus eingeflreut. Lukas streut dafür die Geschichte von der Abführung Jesu zu Herodes ein, um Jesus von zwei Richtern, einem Heiden und einem Juden, freisprechen zu lassen. lieber alles Einzelne müssen wir auf das Werk des scharfsinnigen Kritikers selbst verweisen, und können wir uns nur darüber verwundern, daß er sich nicht veranlaßt gefühlt, über den Charakter und die Handlungsweise des Pilatus die historischen Berichte heranzuziehen, um hieraus ein gegründetes Urthcil erlangen zu können, wie der Bericht der Evangelisten mit dem sonst bekannten Wesen des Pilatus in völligem Widerspruch steht. Wir konstatiren hier nur, daß nach, Strauß die ganze Darstellung von dem Verhöre vor Pilatus ungeschichtlich und aus Parteimotiven hervorgegangen sei, ein Resultat, das wir festhalten müssen. — Der Schriftsteller, der nach Strauß auf diesem Gebiete die größte Berühmtheit erlangt hat, ist der Franzose Lruest. kenLn (Vie de Jesus, cinqui&ne Edition, Paris 1863). Allein für unfern Gegenstand ist derselbe ganz ohne Bedeutung. Renan ist kein Kritiker, sondern nur ein Rationalist. Er will das Leben des Stifters des Christenthums von allem Wunderbaren und Uebernatürlichen, sowie von allen irrationellen Dogmen befreien. Was dann in den Evangelien ihm übrig bleibt, ist ihm Geschichte. Er stellt daher durchaus keine eigentliche kritische Untersuchung an, sondern er konstruirt sich aus den ihm nun übrig bleibenden Erzählungen, Reden und Sentenzen, soweit sie alles Mystischen entkleidet werden können, ein Leben 'dieser Persönlichkeit. Widers jprüche und Unwahrscheinlichkeiten geniren ihn nicht. Die ersteren behält er bei, ohne es zu merken., die letzteren schiebt er selbst mit einem „man sagt", oder „nach einer Tradition" ein, oder übergeht beide mit einem Stillschweigen. Mit Hülfe lebhafter Lokalfarben und psychologischer Raisonnements schafft er, ein Meister der Sprache, eine sehr lesbare Lebensbeschreibung. Es war daher sehr natürlich, daß sein Werk, namentlich bei den Franzosen, ein großes Lesepublikum und einen lebhaften Widerstand seitens der Geistlichkeit fand, aber für die Wissenschaft, für die geschichtliche Kritik mußte sein Werk ohne alle Bedeutung bleiben. Denn es läuft bei ihm zuletzt Alles auf eine willkürliche Annahme, nichts auf kritische Grundsätze und diesen gemäße Prüfung hinaus. Er nimmt an, daß Originaldokumente von Matthäus, und Marcus vorhanden gewesen, die aber nicht mehr existiren; dann sine einfache Sammlung, in welcher die Originaldocumente, ohne Compositionen und ohne persönliche Absicht der Urheber unter einander gemischt sind, worunter er die jetzigen Evangelien von Matthäus und Marcus versteht, endlich beabsichtigte und durchdachte Redaction, wo das Streben die verschiedenen Versionen zu vereinbaren , erkennbar ist, d. i. das Evangelium Lucas. Im Johannes erkennt er eine spätere Composition aus dogmatischen Gründen, die mit den andern dreien an Form und Geist in völligem Widerspruch stehe (p. XLII). Wer nun aüs so betrachteten Dokumenten eine Lebensbeschreibung ziehen will, ohne bei jedem Schritte das, was als geschichtlich sicher und als geschichtlich unwahrscheinlich erscheint, zu unterscheiden zu suchen, muß in eine subjektive Willkühr hineingerathen. So sehen wir denn auch Renan hinsichtlich des Prozesses und Urtheils eine lange Erzählung geben (S. 391—413), in welche Alles ausgenommen ist, was die vier Evangelien berichten/ ohne von dem Widersprechenden, Unwahrscheinlichen oder dgl. die geringste Notiz zu nehmen, indem er, wo jene doch zu auffallend sind, sie naiv durch psychologische Bemerkungen zu erklären sucht. Führen wir nur ein Beispiel an. Pilatus zieht sich mit Jesus in den Palast zurück) kein Zeuge ist bei der Unterredung gegenwärtig) dennoch wird uns diese erzählt. Für Strauß ist daher der Inhalt dieses Berichtes ohne geschichtlichen Werth, für Renan durchaus nicht, denn „die Färbung dieser Unterhaltung in ihren Details scheint von Johannes vollständig errathen zu sein". Sie figurirt daher vollständig in der Beschreibung des Prozesses, die Renan giebt. Ebenso verfällt Renan in die vollsten Widersprüche und zwar bisweilen auf derselben Seite. Er 28*