Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1865)
- Date
- 1865-06-27
- Page
- Seite 398 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226473-3226500--23141-3250433- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
398 und die Gräfin Appönyi, der französische Botschafter, der Herzog und die Herzogin von Sutherland, der Herzog und die Herzogin von Wellington, der Herzog und die Herzogin von Somerset,, Sir R. Peel, Herr Disraett, der Sprecher des Hauses der Gemeinen u. f. w. — Der zweite Bericht lautet : „Wenn Jemand so neugierig sein sollte, zu fragen: über welches Thema hier seit 24 Stunden am allermeisten gesprochen wird, so müßte ihm gewissenhaft geantwortet werden: über die Rothschild'sche Hochzeit. Das klingt sehr sonderbar für eine Stadt wie London, zu einer Zeit, wo die Wahlbewegung im besten Zuge sich befindet, die schleswig-holsteinische Frage noch in den Lüften schwebt, die Vereinigten Staaten einen Reconstructions-Proceß durchmachen, in.Südamerika Krieg geführt wird, Preußen im Kampfe mit -seiner Regierung liegt, Oesterreich auf eine neue Anleihe denkt, und italienische Räuberbanden drohen, gefangenen Briten Ohren und Nasen abzuschneiden. Doch London ist in gewissen Dingen so hausbacken wie andere Städte und noch viel mehr. Sehen Sie doch die heutigen Blätter an. Jedes bringt ein, zwei, drei Spalten über besagte Hochzeit, und wüßten sie nicht aus Erfahrung, daß derlei leidenschaftlich gelesen wird, von Reich und Arm, zumal von den Frauen, sie würden sich sicherlich die Mühe sparen. Baron Lionel Rothschild baut seit Jahren ein neues Haus aus Quadersteinen in Piccadillh, gegenüber dem Greenparke, auf einem der kostspieligsten Punkte der Stadt , hart am Hause des Herzogs von Wellington, doch etwas höher und prachtvoller, als das des Herzogs. Unscheinbar, wie es von außen ist, wurden doch große Summen auf dieses Haus und dessen Ausstattung verwandt, und gestern wurde es bei der Vermählung der Tochter der feinen Welt zum ersten Male geöffnet. Jeder sehnte sich nach einer Einladung, und keiner der Geladenen lehnte ab. Denn die hiesige Aristokratie hat nicht alle Tage Gelegenheit, eine echt jüdische Hochzeit zu sehen; von der Pracht des Hauses waren Wundermährchen seit lange in Umlauf gewesen, Und schließlich haben die hiesigen Rothschilds viele Freunde. Als Gutsbesitzer, Parlaments- Mitglieder, Sportliebhaber und Millionäre leben sie mit dem höchsten Adel des Landes auf freundschaftlichem Fuße, im Gegensätze zu anderen Orten, z. B. in Wien, wo sie trotz ihrer Millionen nie hochsalonfähig geworden sind. Was die Aristokratie thut und treibt, dafür interessirt sich aber der englische Bürgerstand bekanntlich mit einer Leidenschaftlichkeit, die ans Stupide grenzt, und daher kommt es, daß diese Rothschild'sche Hochzeit mit allem, was drum und dran hängt, sich zu der Ehre, Tagesgespräch zu sein, herauf geschwungen hat. Es wäre überflüssige Mühe, Detailbeschreibungen zu machen, in die unsere Glätter mit großem Behagen eingehen. Es war eben eine Hochzeit mit alttestamentarischen Trauungs-Ceremonien und neutestamentarischer Küche, eine Hochzeit reicher, sehr reicher, ungewöhnlich reicher Leute, nicht mehr und nicht weniger. Charakteristisch für die civilisirende Tendenz unserer Zeit und unseres — Verzeihung! — deS.Rothschild'schen Geldes war allenfalls die Gesellschaft, die sich hier zusammengefunden hatte: Disraeli, der einen Toast auf das Brautpaar ausbrachte, der Marine-Minister, der alle Rothschilds leben ließ, der greise Lord-Oberrichter Cockburn, der den Mädchen zutrank, und der Sprecher des Unterhauses, der sich ausnahmsweise zum Reden bequemen mußte. Alle erdenklichen Blutmischungen waren vertreten: Tory, Halbtory, Whig', Halbwhig, Conservativ-Liberale, Liberal-Radicale, Financiell-Liberale, Kirchlich-Liberale, das war alles friedlich neben einander zu schauen; dazwischen hohe Diplomatie, fürstliche Personen aus den Häusern Hannover und Orleans, der Ober-Rabbiner mit zwei Talmud-Gelehrten und Töchter aus den Häusern Beauclerck, Lennox und Montgomery, die unter den vierzehn Brautjungfern figurirten. Die Moral von dem allem ist die allbekannte: „Man verkaufe sein letztes Hemd, um ein reicher Mann zu werden." — " Man sieht, der Aerger über diesen Stand der Dinge bricht bei dem Correspondenten überall durch. Der Mann muß aber auch sehr wenig wissen, denn sonst dürfte es ihm nicht unbekannt sein, daß es keine „alttestamentarische" Trauung giebt, denn eine bestimmte Trauform befindet sich in der ganzen heiligen Schrift nicht, und ebenso wenig kann die „neutestamentarische" Küche, wo bekanntlich bei der Hochzeit das Wasser erst zu Wein verwandelt und einige Brode an Tausende von Hungrigen vertheilt werden müssen, bei Rothschilds Platz greifen. Ob die Rothschilds in Wien „hofsalonfähig" sind, ist uns auch höchst gleichgültig; bekanntlich sitzt aber Einer derselben im österreischen Herrenhause, und dies ist doch noch Etwas mehr. Wie dem aber auch sei, der civilisatorische Grundzug kann doch selbst von diesem Correspondenten nicht verwischt werden.