Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-06-27 · Heft 26 (27.6.1865) · p. Seite 394

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 26 (27.6.1865)
Date
1865-06-27
Page
Seite 394 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226473-3226500--23137-3250429
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4) Nach orientalischen Verhältnissen ist es nichts Ungewöhnliches, daß ein König im Rausche oder wegen einer Laune ein Weib hinrichten läßt, daß er dann ein Mädchen aus dem Volke, ohne nach deren Herkunft und Charakter zu fragen, heirathet, und daß diese ihn durch ihre Körper- oder Geistesvorzüge derart für sich einzunehmen weiß, daß sie Einfluß auf die Staatsangelegenheiten ausübt. 5) Ebenso ist die Scene mit Haman, wo ein dis dahin allmächtiger Minister sammt seiner Familie ins Verderben gestürzt wird, unter dem Vorwände, daß er seine Augen bis zur Sultanin zu erheben gewagt, eine solche, wie sie sich ,un Orient jeden Tag wiederholen könnte und in der That während meiner Anwesenheit in ähnlicher Weise sich.zugetragen hat. Naffer-eddin- Schah Heirathere ein Mädchen von niederm Stande, Dfcheiram Chanum; bald war ihr Einfluß über den König so mächtig, daß alle Frauen verdrängt und ihr Sohn als legitimer Erbe erklärt wurde. Großvezier war Mirza Agha Chan. Als kurz darauf der Kronprinz erkrankte, berief die Mutter zu seiner Behandlung den Judenarzt. Hak-Näzar. Sie schöpfte Verdacht, der Knabe sei durch Vermittelung' des Großveziers vergiftet worden, und in diesem Verdacht bestärkte sie der Arzt. Der Knabe starb. Nunwollte sich der Großvezier an dem Arzte rächen und dessen Familie ins Verderben stürzen. Doch die einflußreiche Mutter schützte denselben und brachte es vielmehr dahin, daß der Minister selbst gestürzt wurde. Nur durch Zufall konnte er sein Leben retten. Der König fragte die Sultanin, was sie noch begehre? Sie antwortete: „Die Kinder, Brüder und Onkel des Ministers sind mir im Wege." Und alle wurden, zwar nicht wie die Söhne Haman's an den Galgen geschlagen, aber gefoltert, ihres Vermögens beraubt und ins Exil geschickt. „Und Mordechai (d. i. tlaknsezar) war groß und angesehen unter seinem Volke" (Buch Esther, X, 3). —" Zeitungsnachrichten. Deutschland. Aus Bayern, (Privatmittheilung). — Am 27. Mai trug sich in der bairischen Abgeordneten-Kammer zu München eine bemerkeuswerthe Scene zu/Das Amneftiegesetz kam zur Abstimmung und ward mit 131 gegen eine Stimme angenommen. Diese eine Stimme war die des katholischen Pfarrers vr. Ruland. Es traten im ganzen nur.drei Redner auf.: Professor Edel, der als Referent des Ausschusses, das Gesetz in warmen Worten empfahl; sodann Ruland, der mit allerlei Gründen sich gegen dasselbe erhob, und endlich dex Ministerpräsident, Frhr. von der Pfordten, der die Einwendungen des Vorredners mit scharfer Logik widerlegte. Nachdem nun das Gesetz angenommen war und unter dem Eindrücke der gehobenen Stimmung, welche die ganze Versammlung beherrschte, erhob sich Freiherr von der Pfordten nochmals und forderte die Kammer mit begeisterten Worten auf, bei diesem Anlasse ein dreifaches Hoch auf den großherzigen jungen König auszubringen. Alle Abgeordneten erhoben sich, und — Ruland allein blieb sitzen. —. So eigenthümlich dieser Vorgang an sich ist, so enthält er doch nichts, was ihn, zur Mittheilung in Ihrer Zeitung eigenschaftet; und ich würde ihn auch nicht berichtet haben, wenn er mich nicht an andere Ereignisse erinnert hätte, über die das Gras der Zeit bereits zu wachsen anfängt. Derselbe Ruland nämlich, der ein Priester des Heils und Friedens, sich heute einem Akte politischer Versöhnung entgegenstemmt und in die milde Wunden heilende Thätigkeit gesetzgebender Körper sein Veto hineinruft, derselbe Mann war es, der sich während der Fünfzigerjahre, so lange die Emanzipation der Juden in den bairischen Kammern hin- und herschwankte, mit unbeugsamer Härte und Feindseligkeit der jüdischen Bevölkerung auch jeden Schimmer von Verbesserung bestritt/ Er war es nebst wenigen Gesinnungsfreunden, gegen welche die Herren Rabbiner Dr. Adler und H. Schwarz im Jahre 1850 ihre Sendschreiben richteten. — Heute steht er allein, und es sind nicht mehr die Juden, gegen die er sich erhebt. So wie es damals die Sache der Emanzipation, d. h. die Gerechtigkeit war, so ist es heute Menschlichkeit und Erbarmen, gegen die er seine schwächlichen Redepfeile abschießt. Für uns Juden kann es nur erhebend und rechtfertigend sein, im Bunde mit Schonung, Menschlichkeit und allem Schönen von solchen Geistern zurückgestoßen zu werden. Cassel, im Juni. (Privatmitth.) Der Landrabbiner Herr vr. Adler hat nunmehr jüngst einen Sta-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.