Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1865)
- Date
- 1865-06-27
- Page
- Seite 393 (sequence 5)
- Language
- German
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hol, Branntwein, Wein, Ammoniak, Salz-, Schwefel- und Salpetersäure, und verstehen sich auf die Scheidekunst, daher sie in der Münze unentbehrlich sind, deren technische Manipulationen sie leiten. Viele gelten auch als renommirte Aerzte; einer der Leibärzte des vorigen Königs Mehmed Schah war ein Jude, Namens Häk-Näzar. Sie erfreuen sich ferner des Rufes als gute Sänger und Musiker, daher sie öfter bei Festen zur Unterhaltung der Gäste eingeladen werden. Im Jahre 1859 veranstaltete der kalamter (Polizeimeister) von Schiraz mir zu Ehren ein kleines Fest in seinem Garten, wozu er die besten Judenmusikanten gemiethet hatte. Die Execution, welche die persischen Gäste entzückte, war genau nach Art des polnischen Gesangs, nicht einmal die Gurgel- und Nasenlaute fehlten. In Schiraz befindet sich überhaupt die ganze Gemeinde in ziemlich guter Verfassung, weil sie daselbst die Protektion der mächtigen Familie des Hadschi Käwam genießt, dessen Ahnherr ein Jude war und dessen Vater, Hadschi Ibrahim, der gegenwärtigen Dynastie der Kadscharen zum Throne Persiens verhalf, später jedoch von Feth Ali Schah sammt seiner ganzen zahlreichen Familie hingerichtet wurde. Der damals noch kleine Knabe Hadschi Käwam, jetzt ein siebzigjähriger Greis, entging dem traurigen Loose. Er gilt für den schlauesten Kopf in ganz Persien; ihm gelang es, den alten Glanz des Hauses wiederherzustellen und trotz seiner hohen Stellung ein Alter von 7V Jahren zu erreichen. Sein Sohn ist eben der Kalamter, dessen Gast ich war. Das einzige nationale Monument, das die Juden in Persien besitzen, ist das Grabmal Esther's in Hamadan, dem alten Ecbatana, wohin sie seit undenklichen Zeilen pilgern. Dort befindet sich in der Mitte des Judenviertels ein kleines Gebäude mit einer Kuppel, auf dessen Spitze ein Storch sein Nest gebaut hat. Der Eingang ist zum größten Th eil vermauert, nur ganz unten blieb eine kleine Oeffnung, durch die man in gebückter Stellung eintreten kann; sie wird durch eine bewegliche Steinplatte statt der Thür abgesperrt, welche Vorrichtung von den häufigen Ueberfällen herrührt. Man gelangt in eine niedrige Vorhalle, dort sind die Namen vieler Pilger und das Jahr der Restauration der Kapelle eingeschrieben. Von der Vorhalle tritt man in einen kleinen, viereckigen, nur spärlich durch schmale Fenster beleuchteten Saal, in welchem sich zwei hohe Eichenschreine, die Grabdenkmäler von Esther und Mordechai, befinden. Rings um dieselben sind in hebräischer Sprache die Verse aus dem letzten Kapitel von Esther nebst den Namen dreier Aerzte eingravirt, auf deren Kosten das Grab restaurirt wurde. ' Für die Echtheit der Esthersage und jener Grabstätte mögen folgende Argumente sprechen: 1) Die Juden lebten seit der babylonischen Gefangenschaft in Persien; es wäre schwer gewesen, ein Ereigniß, welches die gefammte Nation betraf, ihnen zu octroyiren. > 2) Die Beschreibung der Zelte*) und des Gastmahls im Eingang des Buchs ist so vortrefflich, daß es höchst wahrscheinlich ist, der Autor habe sich an Ort und Stelle befunden. 3) Die Könige residirten allerdings in Susan, dem Schusch (Schön) der Perser. Diese Stadt liegt in Arabistan; im Winter ist der Aufenthalt dort sehr angenehm, dagegen soll er, nach der Aussage vieler Augenzeugen, besonders des Gouverneurs Chanler Mirza, im Sommer unerträglich sein; die Hitze ist dann so groß, daß sich während des Tages kein Raubthier aus seiner Höhle herauswqgt. Es war daher der persischen Sitte angemessen, daß der König in einer Berggegend sein Lagerzelt aufschlug. Zu diesem Zweck findet sich in der Nähe kein günstigerer Platz als Hamadan, am Fuße des Elwend, wo zahlreiche Bäche sich in die Ebene ergießen und sie befruchten. Der Perser rechnet noch heute diese Ebene zu den Aeiloks, Sommerquartieren der Nomaden. Die Juden zeigten mir vor der Stadt einen geebneten Hügel, Mussella genannt, auf dem des Königs Ahasverus Zelte gestanden haben sollen'. Möglich also, daß Esther während des Sommeraufenthalts starb und dort begraben wurde. *) In der Uebersetzung wird statt von Zelten von Vorhängen gesprochen, allein die ganze Beschreibung beweist, daß nicht von diesen, sondern von Zelten die Rede ist, unter denen die Gäste während des Mahls Unterkunft fanden. Noch heutigen Tages braucht man die dort erwähnten Stoffe zur Anfertigung von Zelten, nämlich einen dichten Baumwollenstoff, üerbas (das ösns der Bibel), und zur innern Bekleidung einen moirirten Seidenstoff, chara (^in). Es ist hiernach klar, daß die Uebersetzung dieser Worte mit Farben keine richtige sein kann.*) *1 DS-D ist schon längst als „Baumwolle" bekannt (s. uns. Bibelw. III. S. 754.). “fln wird zwar dauernd „weißes Linnen" erklärt, Saadia aber übertrug es schon „weiße Seide." Die Redaktion.