Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1865)
- Date
- 1865-06-20
- Page
- Seite 383 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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in derselben nach ihrem Ritus die-.vorgeschriebenen Feste begehen zu können. Die christlichen Bewohner unseres Landes tretet nirgends den Andersgläubigen widerwillig oder feindselig entgegen, und wenn vielleicht auch die weiter vorgeschrittenen Bewohner anderer Länder sich einer höheren politischen Reise erfreuen, so erreichen wir Steiermärker sie doch gewiß darin, daß wir den Begriff der Gleichstellung aller Kulte vollständig erfassen und dieselbe auch ausüben, und erkennen, daß in einem und demselben Staate jeder ohne Gefahr für den gemeinsamen Staatszweck, nach Friedrichs H. Worten, „nach seiner Faxon selig werden kann." Wien, im Juni. Am 17. Oktober d. I. gelangen die Zinsen der „Prediger Mannheimer-Stiftung" zur Vertheilung. Anspruch auf diese Unterstützung haben Rabbiner, Prediger und Lehrer in Oesterreich, die, dienstunfähig geworden sind, oder deren Wittwen und Waisen. Die Bewerber müssen in einer Gemeinde, die mindestens 50 Mitglieder zählt, wenigstens 10 Jahre das Amt in würdiger Weise verwaltet haben. Beamte großer, notorisch reicher Gemeinden, sind ausgeschlossen. Die Würdigkeit der betreffenden Beamten, sowie die Dienstunfähigkeit sind nachzuwetsen. Gesuche sind längstens bis Ende Juli d. I. an die israelitische Gemeindekanzlei in Wien unter der Adresse: „Curatorium der Prediger Mannheimer-Stiftung" zu übersenden. Frankreich. Paris, im Juni. (Nach den Arch. isr.) Am 25. Mai hat die fünfte Jahresversammlung der Alliance isra&ite universelle unter dem Vorsitze Cremieux' stattgefunden. In Erwartung, daß wir bald in Besitz des ausführlichen Berichtes sein werden, heben wir hier einstweilen Folgendes hervor. Es ist angenehm, zu bemerken, daß sich die literarischen Größen unter den Juden in Paris gegenwärtig für die Alliance interessiren. So ist Prof. Breül in das Comitö eingetreten, und Pros. Oppert betheiligte sich an der Debatte. Im verflossenen Jahre hatte sich die Mitgliederzahl um ungefähr 1200 vermehrt; die Einnahmen beliefen sich auf circa 6400 .Thlr., und nach dem Abzüge der Ausgaben besitzt die Kasse 8800 Thlr. In dem allgemeinen Berichte wipd über die Zwischenkunft der Alliance in der Moldau-Wallachei und Marokko, so wie über die Hauptidee der Alliance, Schulen im Oriente zu gründen, Mittheilung gemacht. Der Prä-, sident hielt eine mit Beifall aufgenommene Ansprache. Rußland. Warschau, 27. Mai. (Br. Z.) Fast allen hiesigen Blättern wird aus Wilna von einem vor Kurzem dort stattgehabten merkwürdigen Leichenzuge berichtet,' bei dem, wie die Einen berichten, drei Viertel, laut Andern mindestens die Hälfte der Bevölkerung der litthauischen Metropole betheiligt war. Der so geehrte Mann, bei dessen Leichenbegängniß alle Läden sich schlossen, war ein jüdischer — Bettler, Namens Szhmel Slizgol, auch Kaftan genannt. -Es wird von ihm erzählt, daß er 30 Jahre lang in der elendsten Kleidung eines polnisch-jüdischen Bettlers, mit einem Stab in der einen und einer Sammelbüchse in der andern Hand, Tag für Tag durch die Straßen Wilna's wunderte mit dem lauten Ruf: „Denkt der Armen, der Wittwen!und Waisen!" Im Laufe dieser Zeit hat Szhmel einige 90,000 Silberrubel zusammengebettelt, von denen es zur Evidenz bekannt war, daß er nicht einen einzigen Groschen für sich verwendete. Er wußte, wo in Wilna ein hülssbedürftiger Kranker darniederlag, und half jedesmal persönlich; für arme Kinder Schulgeld zahlen und sie mit Büchern versehen, war einer der Hauptzweige seiner Thätigkeit, und zu jeder Zeit hatte er Speise vorräthig, die er täglich an einem bestimmten Orte vertheilte. Seinen eigenen Unterhalt besorgte er dadurch, daß er Abends Schnupftabak verfertigte und verkaufte. Jeder Groschen, den er von seinem äußerst kümmerlichen Erwerbe erübrigte, gehörte den Armen, ebenso bekleidete jedes bessere Kleidungsstück, das ihm Jemand schenkte, sehr bald die Glieder eines Armen, von dem Szhmel jedesmal wissen wollte, daß dieser es nöthiger brauche. Familie hatte der Mann nicht. Eine hiesige Zeitung bemerkt hierüber sehr richtig, daß wenn man auch vom Gesichtspunkte der Staatsökonomie gegen die Wirksamkeit Szhmel Slizgol's Manches auszusetzen hat, doch eine solche ausdauernde, beispiellose Selbstverläugnung um so mehr unsere Bewunderung und Verehrung verdiene, als Szhmel ein ganz simpler und ungebildeter Mann war, dem nicht einmal die Triebfeder des Ehrgeizes zugeschrieben werden kann; seine 25**