Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-06-20 · Heft 25 (20.6.1865) · p. Seite 380

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 25 (20.6.1865)
Date
1865-06-20
Page
Seite 380 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3226473-3226499--23118-3250409
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ler Menschen zu einsamer Strafe oder Beffernng.. Zm! Mittelalter geschah das Gegentheil. Der Schuldige ward ' in die Welt geschickt., versehen mit. eüiem Schein seines Bischofs, welcher ihn als Mörder. oder Blutschänder -offen -bekannte, ihm seine Reise , ihre Art und Dauer .vorschrieb und ihn zugleich mit einer Legitimation versah. Er reiste auf sein durch bischöfliches Zevgniß verbrieftes Verbrechen, wie auf eine wirkliche. Paßkarte der Behörde, und er zeigte sie auf seiner Pilgerfahrt allen Aebten und Bischöfen der Orte, durch welche er. kam, vor. Diesem Berdammungs- und Empfehlungsbrief zugleich verdankte der. Sünder gastliche Aufnahme, um so von Nation zu Nation bis zum Heiligthum zu pilgern^ das ihm als Ziel vyrgeschrieben. war. Der Strafcodex des Mittelalters zeigt . einen grellen Widerspruch von brutaler Barbarei und engelhafter Milde. Die Grundsätze des Christenthums, den Gefallenen zu schonen, dem Sünder liebevoll die Wege zur Versöhnung zu öffnen, kamen , in Widerstreit mit der bürgerlichen Ordnung der Gesellschaft. Dieselbe Zeit, welche durch Beschluß heiliger Synoden Majestatsverbrecher marterte, -blendete, auf einem räudigen Esel durch die Städte führte, gab dem Vater- und Muttermörder sanftmüthig einen Pilgerpaß in die Hand und. verwehrte den Furien, ihm wie Orest zu folgen. Rom, die große Zuflucht der Sünder, nahm, alle Verbrecher in sich auf, die irgend Namen und Gestalt unter Menschen haben,; unb; bie;;$ir$ep .oder Kirchhöfe sahen Meuchelmörder, Giftmischer, Räuber, Betrüger jeder Art und Nation aus- und eiygehen. Oft trafen seltsame und scheußliche Gestalten ein: Menschen, welche wie Büßer Indiens Ketten trugen, Andere halb nackt, einen schweren Eifenring um den Hals, oder den Arm von einem Eisenband umschmiedet, Dies waren Mörderihrer Eltern, Brüder oder Kinder, denen ein Bischof solche Pönitenz und die Pilgerschaft, nach Rom auferlegt hatte. Ihr Anblick mußte die.Augen rechtlicher Menschen, entsetzen: sie warfen sich mit Geschrei an den Gräbern nieder; sie geißelten sich, sie beteten, genethen in Extase, und es gelang ihrer Geschicklichkeit bisweilen, die Eisenriyge an einer Märtyrergruft zu sprengen. Wer möchte leugnen, daß sich unter solchen Menschen auch wirklich bußfertige Sünder befanden, wer aber sich nicht vor stellen, daß es darunter eben so viel und weit mehr nichtswürdige Schelme gab? Denn, weil' -die; Abbüßung eines Verbrechens zugleich einen Freibrief der Verpflegung bot, so hülsten sich nicht selten Gauner, welche weder Vater noch Mutternoch irgend wen umgebracht hatten, in die Masken hex Scheuß-, lichften Unthat, um, nur Gelegenheit zu Reiseabenteuern und betrügerischem Gewinn zu haben. Sie zogen also mit falschen Passen, nackt, in Eisenbändern durch . die, .Länder, das unsinnige Mitleiden der Menschen zu erregen und in Abteien oder Pilger-Herbergen sich zu nähren. Viele stellten sich besessen,' sie liefen mit struppigen Haaren und wunderlichen Geberden durch die Städte, gingen in die Klöster her Provinzen, warfen sich por den Heiligenbildern nieder, und, indem sie durch deren Berührung, oder Anblick plötzlich zu Sprache und Sinnen kamen, erlangten sie von den beglückten Mönchen nicht kleine Geschenke, womit sie dann lachend abzogen, um ihre .Künste, anderswo förtzusetzen. Die Verehrung der Reliquien hat keinen furchtbareren Ankläger, als die Unmoral und die Lüge, welche während des Mittelalters ihre Folgen waren." — Soweit Gregorovius. Wer dies liest und einen vergleichenden Blick aus das Iudenthum des Mittelalters wirft, wird den Unterschied, ja den Gegensatz nicht verkennen,. - Allerdings blieb auch - dieses von den Einflüssen der Zeit und ihrer geistigen Verfinsterung nicht ganz frei und manche Züge des Aberglaubens drängten sich in dasselbe ein. Aber es blich dies stets vorzugsweise Eigenthnm der Volksmasse, mit dem deutlichen Gepräge fremden Ursprungs, und wer die Schriften Saadia's, Maimuni's, Juda Halevi's u. s. w. liest, erkennt mit Bewunderung, wie rein sich die Lehre erhalten, und wie sorgfältig sie dem Aberglauben den Eingang in ihren geheiligten Umkreis verwehrte. Gerade um desto einsichtlicher muß uns die Tendenz des Judenthums im Mittelalter werden, diese Lehre mit einem umfänglichen und-vielgestaltigen, dabei lebendigen und mit dem Pulsschlag des Volkslebens verschenen Formwesen zu. umgeben und sicher zu stellen, unc jene innerhalb des durch alle Länder zerstreuten Häufleins zu erhalten und für eine bessere'Zeit zu bewahren, Zeitungsnachrichtrn. Deutschlands . Frankfurt a. M., 8. Juni.. (Eingesandt.) Bei einer .freundschaftlichen - Zusammenkunft haben einige Männer, welche einen lebendigen Antheil an den Jtz-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.