Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1865)
- Date
- 1865-06-20
- Page
- Seite 379 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226473-3226499--23117-3250408- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
r-^r^ MWWDMWUWWH 379 mal feststehendem Schema' angefertigt, bekunden sie in der fast von allen Völkern Europa's getheiltcn Gier nach dem - Besitze von heiligen Leichnamen einen Zug, der für die Geschichte des Mittelalters überhaupt und insbesondere für die Kenntniß des mittelalterlichen Rom höchst charakteristisch ist. „Rom war schon frühe in ganz hervorragendem Maße die Stadt der Heiligen geworden. Derselbe Drang, welcher die Regierer der Republik und des Kaiserreichs dahin geführt hatte, die Heiligthümer aller unterjochten Völker in Rom zu vereinigen, trieb auch die Bischöfe der christlichen Stadt an, allen Heiligen, deren Kultus sich zu besonderem Ansehen in ihrer Heimath erhob, Altäre in der ewigen Stadt zu errichten. Gallischen und spanischen, griechischen und syrischen Heiligen, ja selbst Heiligen aus dem fernen Arabien wurden in Rom, auf den Trümmern oder in den bekehrten Mauern heidnischer Tempel, Kirchen erbaut, und hatte Agrippa in dem schönen Rund des Pantheons allen Göttern ein Heiligthum geweiht, so vertrieb ein Papst des siebenten Jahrhunderts diese Götter als feindliche Dämonen, um ihre Residenz, feierlichst gereinigt von jeder Ansteckung des Heidenthums, zu einem Tempel aller Märtyrer umzuweihen. 'Die Annalisten dieser berühmten Kirche erzählen uns, daß der Papst Bonifaz (er war so stolz auf diese Umweihung, daß er sie sich in seine Grabschrift schreiben ließ) ncht und zwanzig Karren mit Märtyrerknochen beladen und diese unter dem Altar des neuen Christentempels versenken ließ. „So hatte schon damals Rom in den zahllosen Gebeinen seiner Katakomben einen ergiebigen Schatz. „Dieser Kultus wuchs, je mehr mit dem Verlaufe der Zeit sich die ursprüngliche Gottesidee des'Christenthums in einen neuen Polytheismus umwandelte. Der Gedanke einer unsichtbaren und höchsten Intelligenz wurde mehr und mehr zersplittert in eine Mythologie, in welcher vom Heilande und seiner Mutter zu Üen Aposteln, den Heiligen und den Märtyrern herab eine himmlische Hierarchie verehrt wurde. Ja, es entfernte sich die christliche' Verehrung immer mehr von Christus, um sich der tastbaren und sichtbaren Wirklichkeit der Reliquien zuzuwenden. Die Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter liefert eine Menge der seltsamsten Beispiele. So besitzen wir einen Brief Gregor's des Großen, eines Mannes, dessen Verstand den seiner Zeitgenossen weit überragte, worin er der Kaiserin von Byzanz auf die Zümuthung erwiedert, daß er ihr für eine von ihr dort erbaute Kirche den Kopf des Apostels Paulus oder sonst ein Glied vom Leibe des Apostels senden möge. Seine Entrüstung ist nicht zu verkennen. Ein todeswürdiges Verbrechen sei es, die heiligen Leiber auch nur zu berühren, ja ihnen nur mit dem Blicke der Augen zu nahen. Auch sei es vollständig genug, wenn man ein Stück Tuch, welches das Grab des Apostels bedeckt habe, in ein Büchschen thäte, um seiner Wunderkräfte zu genießen, und solche gleichsam magnetisirte Tuchlappen, die man Brandea nannte, oder etwas von den Ketten des Apostels Petrus wolle er der Kaiserin senden, wenn es nämlich gelinge davon abzufeilen. „Diese Reliquienwuth ging mit den furchtbarsten Unthaten Hand in Hand. Im ersten Jahrhundert überfiel der Longobardenkönig Astolf das päpstliche Gebiet. Bei der schonungslosen Verwüstung, welche die Campagna durch seine zügellosen Schaaren erfuhr, wurden Kirchen und Klöster geplündert, Mönche und Nonnen allen Mißhandlungen preisgegeben; die ausgelassenen Plünderer scheuten sich nicht, Kirchengewänder und Gefäße zu ihrem profanen Gebrauch oder Mummenschanz zu verwenden; sie trieben mit den heiligen Bildern, selbst mit der Hostie/ ihr Spiel. Zu gleicher Zeit aber.durchwühlten eben diese Longobarden die Kirchhöfe der Märtyrer, mit frommer Wuth nach den heiligen Knochen suchend, die sie dann unter beliebigem Märtyrertitel nach den Kirchen ihrer Heimath zu bringen hofften. Und abgesehen von diesen Räubereien im Großen, gab es in Rom Diebe, die aus der Entwendung von heiligen Leichnamen ein stehendes Gewerbe machten. „Mit diesem Kultus der Todten hing die große Bewegung der Pilgerschaften zusammen, welche in jenen Jahrhunderten das Abendland durchzogen. Alle Geschlechter, alle Alter und Klaffen nahmen fortdauernd daran Theil; der Kaiser und der Fürst, der Bischof pilgerte wie der Bettler, das Kind, der Jüngling, die edle Matrone, der Greis gingen barfuß am Pilgerstabe. Rom hatte diese sonderbaren Wanderzüge zu allererst hervorgerufen und in seine geheiligten Mauern gezogen. . . „Oft genug aber ward der Schmerz und die Schüchternheit verdammt, neben dem frechen Laster und dem listigen Betrug einherzugehen, und auf dem Wege zum Heil durch ansteckende Berührung selbst unheilig zu werden. „Viele der Pilger, die tagtäglich durch die Thore Rom's strömten, waren mit den schändlichsten Verbrechen gebrandmarkt. Die Ordnung der heutigen Gesellschaft entzieht den Verbrecher soviel als möglich den Blicken