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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-06-20 · Heft 25 (20.6.1865) · p. Seite 378

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 25 (20.6.1865)
Date
1865-06-20
Page
Seite 378 (sequence 6)
Language
German
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lebend auf mich, wirkt, als die der Wüste. Aeußerst geistreich ist die Bemerkung des Jbn Chaldlln über die Entwickelung der moralischen Kräfte unter dem Einfluß des Lebens in Steppen. Die Israeliten, sagt er, waren so erniedrigt, als ste Aegypten verließen, daß sie das gegelobte Land nicht erobern konnten. Sie mußten, um für dieses Unternehmen fähig zu werden, in der Wüste umherirren und es. mußte darin eine neue nomadische Generation aufwachsen." Es hat schon viele Familien gegeben, in welchen irgend. eine Wissenschaft oder Kunst durch mehrere Generationen sich hindurchpflanzte, Gelehrten-, Maler- und musikalische Familien. Wir finden in den soeben , erschienenen „Culturstudien aus der Schweiz und Deutschland von A. von Stifft" (Berlin 1865) die Notiz, daß an der 1460 gestifteten Universität zu Basel der hebräische Lehrstuhl 142 Jahre hindurch von Buxtorfs besetzt war. (Es hatte sich freilich in Basel die der Wissenschaft so schädliche Unsitteeingenistet, die Lehrstühle wie Erbschaften in der Familie vererben zu lassen. Unter jenen Buxtorfs befanden sich freilich auch die beiden großen Johann Buxtorf, von denen der eine 1629, der andere 1664 starb.) Es muß uns auffallen, daß im letzten Jahrzehend so viele sogenannte Mortara fälle, d. h. erzwungene Taufen einzelner,^ meist im kindlichen Alter befindlicher Juden, vorkamen, und solche Meldungen aus allen Ländern und christlichen Kirchen eingehen, aus Frankreich so gut wie aus dem Kirchenstaats aus Preußen so gut wie aus Oesterreich, nur daß in den verschiedenen Staaten die Vorgänge eine andere Wendung nehmen. Man sage nicht, daß sie jetzt mehr in die Oeffentlichkeit kämen. Aus den dreißig Jahren unsrer publizistischen Thätigkeit «finden wir während der ersten zwei Jahrzehende kaum zwei solcher Fälle verzeichnet, während jetzt jedes Jahr mehrere bringt. Wenn dieser Umstand überhaupt auf eine verstärkte aggressive Haltung der Kirchen hindeutet, so müssen wir besonders abermals die Lehre daraus ziehen, daß der Geist des Fanatismus, welcher den furchtbarsten Glaubenszwang auszuüben vermag, und dem auch die grausamsten Mittel gut genug dünken, durchaus noch nicht aus der Menschheit geschwunden, und daß es steter und energischer Wachsamkeit bedarf, um jedem Versuche seinerseits, die Herrschaft wieder in seine Hand zu bekommen, aufs Kräftigste zu begegnen. Der Erfolg hat gezeigt, daß wir nicht immer im Stände sind, selbst .in diesen einzelnen Vorgängen, dem Rechte, seine Befriedigung zu schaffen und die Folge der Gewaltthat zu. beseitigen. Theils stand ihr in gewissen Ländern die politische Autorität zur Seite, theils wußte sie sich in Dunkel zu hüllen, und fand bereitwillige Helfer. Also auch faktisch dürfen wir nicht lässig sein. Wenn auch die Zeit vorüber ist, wo die christlichen Theologen sich darin gefielen, das Judenthum als abgestorben, tobt, eine Mumie u. dgl. zu bezeichnen, sie vielmehr jetzt allseitig die frische Lebenskraft anerkennen, welche dasselbe in dem letzten Jahrhundert erwiesen hat, und hieraus auch zugeben müssen, daß das Judenthum des Mittelalters nicht minder schöpferischen Genius und eine Fülle produktiver Kraft besessen: so wollen sie doch noch heute nicht einräumen, daß das Judenthum neben dem Christenthume auch nach dessen Entstehung fortdauernd nicht blos eine Nothwendigkeit für seine Bekenner, sondern auch eine weltgeschichtliche Mission zur Erhaltung der reinen Gotteslehre enthielt und enthalte. Aber je mehr wir in das Wesen und in die Erscheinungen des Mittelalters einen Blick werfen, je mehr wir es nicht blos in seinen allgemeinen Grundzügen, sondern in seinen Einzelheiten erkennen, desto klarer wird es uns, daß das Judenthum seinen Protest wider diese religiöse Gestaltung aufrecht erhalten mußte. Es ist dies uns ein Mal wieder recht klar geworden, als wir im „Mag. für d.Lit. des Auslandes" No. 23 einen Artikel „Rom im Mittelalter, nach Gregorovius" lasen, aus dem wir einige Züge hervorheben wollen. „Einhard, der Geschichtschreiber Karl's des Großen und Rathgeber seines schwachen Nachfolgers, hat unter seinen Schriften ein Buch hinterlassen, das eine ausführliche Beschreibung des Triumphzuges enthält, in dem im Jahre 827 die Leichname der heiligen Marcellinus und Petrus von Rom nach, Soissons geführt wurden. Der Minister des römischen Kaisers erzählt uns in aller Breite, wie diese heiligen Reste durch Franken aus Rom gestohlen, für die neugestiftete Kirche in Soiffons erworben und in feierlichem Aufzuge, unter beständigem Andrauge des Volks und zahllosen Mirakeln durch halb Europa nach ihrer neuen Ruhestätte geleitet wurden. Solcher Berichte, die man ganz technisch Translationen nannte, besitzen wir aus den karolingischen Jahrhunderten eine große Menge. Meist von weit weniger berühmten Verfassern herrührend, vielfach auch nach schon ein-

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