Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1865)
- Date
- 1865-06-20
- Page
- Seite 377 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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' ' ' - - ' Versuche eingetretdn/ die einen größer» ober geringere Erfolg haben oder versprechen. Wie der Krimkrieg, wie' der italienische Krieg beendet wurden, die sogenannte neue Aera in Preußen, das ganze'Verhalten der französischen Politik, die jüngsten Vorgänge'in Italien zwischen Victor Emanuet und dem Papste kieftrn den Beweis, und zeigen, daß das' Verlangen nach Compromissen überall zu Tage tritt. Ja, es scheint sogar gegenwärtig in Nordamerika der schreckensvolle Bürgerkrieg mit einem verdeckten Eompromiß endigen zu wollen. Mag man nun dieses' Streben nach Compromiffen mitten in den schroff entwickelten Parteien beurtheilen wie man wolle, uns kommt eS hier nicht darauf an, werther Freund, sondern den Charakter der Gegenwart zu konstatiren. Vom Parteistandpunkte wird jeder Compromiß als eine Schwäche, ja als ein Verrath verurtheilt und die Unhaltbarkeit eines solchen vorausgesetzt. Allein hiernach richtet sich das gesammte Leben wenig. Es fordert, was ihm Noth thut, es nimmt an, was ihm förderlich 1 ist) sei es auch nur für eine kurze Zeit; es glaubtselbst durcheinen Compromiß' vorwärts zu kommen,, und an besten- Ergebniste neue Operationen zu knüpfen. Die Partei steht jeden Eompromiß für eine Niederlage, das Leben'. nimmt ihn für einen Sieg an; ist der Gegner dadurch nicht ganz besiegt, so hat er doch ebenso wenig einen Sieg erfochten. Noch allgemeiner gefaßt, kann Man sagen, daß die ganze' Entwickelung ja nichts Anderes als ein fortlaufender 'Compromiß zwischen Vergangenheit Und Zukunft ist, und daß in einem solchen das Alte stets Raum hat, ruhig zu sterben, und das Neue, sich zu-gebären. Wie auch ein Eompromiß gestaltet sei, so verliert in ihm das Alte und gewinnt das Neu'e, denn jenes vermag nur durch die Concentrirung seiner noch übrigen Lebenskraft, durch die Schärfe und Härte seines Wesens fortzubestehen, und jeder Compromiß bringt ihm Erschlaffung und Abschwächung, während das Neue nur an. Fähigkeit) zur Entwickelung wächst, und der definitiven Gestaltung sich nähert. Selbstverständlich wird in jedem Compromiß auch mancherlei Täuschung bereitet, und schon indem sie ihn abschließen, suchen sich die Parteien zu übervortheilen. Schließlich erlangt >er aber dennoch nur dann eine Dauerhaftigkeit, wenn er eine gewisse Befriedigung für Beide enthält. Im Grunde stehen nur die Personen im Nachtheilewelche den Compromiß abschließen; sie werden von keiner Seite gewürdigt und von der Zeit schnell überholt. Aus diesem Gesichtspunkte beurtheile ich die jüngste j und gegenwärtige Zeit; ohne damit ihre Resultate ruh« j men zu wollen. Zerstreute Bemerkungen. Der berühmte Physiologe und preußische Abgeordnete Prof. vr. Virchow hat unlängst eine kleine Schrift über „die Erziehung des Weibes für seinen Beruf" (Berlin 1865) veröffentlicht, in welcher er sagt, es sei „ein glückliches Ereigniß für die Menschheit gewesen, daß das Christenthum auS dem Schoße der Juden, der Urstätte des Familienlebens, hervorgegangen". Wir haben diese Bemerkung des sehr negativen Gelehrten nicht aus seiner Schrift, sondern aus einem Referat im „Mag. f. d. Lit. des Auslandes" entnommen. Da heißt es nun freilich „aus dem Lande der Juden." Was will das heißen? Die Berge und Höhen des Landes Canaan können die „Urstätte des Familienlebens" nicht ausgemacht und die Eigentümlichkeit des Bodens hierzu nichts beigetragen haben: Die Bezeichnung der Urstätte des Familienlebens kann sich nur auf die Nation beziehen, die der Verf. selbst nennt, denn die kanaanitischen Stämme, die vor dieser in demselben Lande gewohnt, haben dem Urheber dieser Zeilen die Geheimniste ihres Familienlebens nicht überliefert. Man sieht, die Nöthigung der Anerkennung lag vor, aber man scheute sich, sie direkt auszusprechen; daß die Sache an sich richtig ist, wird Niemand bezweifeln, der die Geschichte dieses Volkes von ältester bis neuester Zeit kennt. Im dritten Bande des Werkes von A. Sprenger, „das Leben und die Lehre des Mohammed" (Berlin, 1865) spricht der Verfaffer nach den Angaben' der Reisenden und seiner Erfahrung über das Leben in der Wüste. Er sagt unter Anderem: „Jeder Reisende, welcher so glücklich gewesen ist, einige Zeit in der Wüste zuzubringen, schwärmt über den Einfluß der Luft aus die geistige Stimmung. Man fühlt sich von Wonne berauscht und von jeder Bürde des Lebens befreie Obschon ich als Sohn der Alpen eine Vorliebe für das Gebirge habe, auf dem Meere und in großen Städten tausendmal von unseren Gletschern träumte; und beim Erwachen den Sennen beneidete, dessen fröhliches Jauchzen in hundertfachem Echo wiederhallt, so muß ich doch gestehen, daß weder die Luft unserer Hochalpen, noch die des Himalayas so stärkend, so be-