Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1865)
- Date
- 1865-06-20
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
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und sich zu behaupten, dies auch den großen Parteienim Staate, und dann, endlich den Völkern, untereittandsrnicht mehr gestattet fei, oder ob der entgegengesetzte Zu--' stand ein ewiger bleiben solle? Die Antwort ist-einfache und enthält nichts andresals meine Behauptung, die Sie. erklärt haben wollten. Daß aber Barbarenthum und Heidenthum, Gewalttätigkeit und Heidenthum identisch sind, weil die Gotteslehre das Recht und den Frieden . will und 'alles Andere verwirft, brauche ich Ihnen gegenüber nicht erst auszuführen. Diese letztere Erwägung führt mich zu der Beantwortung Ihrer zweiten. Frage: wie ich den Stand der Dinge in. der Gegenwart ansähe? Aus dieser Ihrer Frage erkenne ich, wie Sie mid mir -darin übereinstimmen, daß sich gegenwärtig die Strömungen des Momentes in überraschend schneller Weise verändern, wenn auch, die allgemeine Richtung dieselbe bleibt. Es ist wie ein mächtiger Strom, dessen. Richtung nach einer bestimmten Weltgdgend gewendet ist, der aber seinen Laus in zahllosen Biegungen und Krümmungen nimmt, bald dahin, bald dorthin abfällt, so daß.es erst nach einem weiteren Raume offenbar wird, wie er dennoch nach einem bestimmten Zielpunkte vorwärts geht. Denn, da Sie von mir keine faktischen Einzelheiten beurtheilt wissen wollen, so können Sie nur den allgemeinen Gesichtspunkt für. eine begrenzte Gegenwart erwarten. Und dennoch muß ich, um mich verständlich zu machen, etwas weiter ausholen. Die große Umbildung, des Lebens der europäischen Völker und Staaten. — das Wort „Wiedergeburt" scheint mir unzutreffend — welche mit dem sechszehnten Jahrhundert in schärferen Umrissen hervortrat, hat sich zuerst in der Phase des Absolutismus ausgeprägt,« und ist dann m |bte Phase des Constitutionalismus übergegangen. Jede neue Phase hat zunächst die alte, zu überwinden und zu zerbrechen^ und dann dafür , ein neues Gebäude aufzuführen. Aber . es bleiben immer noch'mächtige Reste der alten übrig, die sich mehr oder weniger verändert, durch lange Zeiträume hin erhalten. Denn die Zähigkeit und Macht der Existenz, ist sehr groß in allen Gebilden, die sich einst eines blühenden Lebens erfreuten,, und um so mehr, wenn sie aus einem nur lose verbundenen Organismus stammen. Der Absolutismus beseitigte den Feudalstaat- und.- setzte an die Stelle der Institutionen desselben die Bureaukratie, deren Tendenz die Centralisation ist.. Der < Absolutismus ging in den Constitutionalismus über,, und dieser sucht an die Stelle der Bureaukratie das Selfegovernment zu bringen, das zwar die Decentralisation nthält, aber weit, entfernte ist von dem' Corpo rativsystem. des Mittelalters,, sondern jedes Organ mit seinem eigenthümlichen Leben, in den Gesammtorgani-smus eingegliedert haben will. Es versteht sich also, daß es sich, hier nicht blos um die..Verfaffungsform handelt, sondern weit mehr innerlich um die Verwirklichung der wesenhaftesten Prinzipien. Der Absolutismus gesteht alles Recht dem Staate zu, den „Unterthanen" nur soviel Rechts wie es jenem, ihnen zu bewilligen gefällt. Der Constitutionalismus schreibt dem „Bürger" gewisse unveräußerliche Rechte zu, die nur aus Zeitumständen eine gewisse Beschränkung erleiden können. Der letztere, wenn er. auch schon scheinbar den Sieg errungen und der Staat die Form einer solchen. Verfassung angenommen, hat nun. mit den Resten der früheren Phasen einen schweren und lang andauernden Kampf. Seine Gegner, die Fenbalen, Ultramonianen, Absolutisten und. Bureaukraten, vereinigensich, mit ihm um ihre Existenz zu kämpfen , und das Terrain sp lange wie möglich zu behaupten. Aus diesem Kampfplatze geht die wechselnde Strömung, der Zeit vor sich, da es hierbei besonders darauf ankommt, die große Masse der prinzipienlosen, unentschiedenen und bewußtlosen Menschen auf seine Seite zu ziehen, sie entweder von der Macht der Gewohnheitbeherrscht zu erhalten oder von ihr frei zu machen. Ich brauche Sie nun nicht erst an jene Zeit der Aktion von 1848 zu erinnern, die in ihrem Ungestüm und ihrer Gestaltlosigkeitso schnell einer ebensoleidenschaftlichen Reaktion Platz machte. Die Folge war, daß. sich die Gegensätze auf's Schärfste ausbildeten,, unverschleiert in die Oeffentlichkert traten, und sich in ihrem schroffen Extrem bethätigten. Allein in einem solchen Zustande kann das Leben nicht vorwärts, kommen; es schwebt gewisser Maßen zwischen den beiden Gegensätzen in der Luft; ist jede Partei noch so mächtig, daß die andere sie. nicht zu überwinden vermag, so ist das reale Leben zu einem Stillstände verurtheilt, den es nicht lange ertragen kann; keine der Parteien ist im Stande, seinen Forderungen gerecht zu werden- und stellt sich ihm also für jetzt als unfruchtbar dar. Was muß davon die Folge sein? Nichts anderes, als daß endlich eine Zeit eintritt, welche mehr oder weniger nach einem Com pro miß .hinsteuert, eine Zeit der Compromißv er su ch e-. Damit-ich es mit einem Worte sage, alle faktischen Erscheinungen in der jüngsten.Zeit scheinen mir anzuzeigen, daß wir bereits mitten in dieser Strömung angelangt sind. Entweder man verlangt danach, und-weiß " es nur noch nicht auzugreifen, oder man ist bereits in