Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1865)
- Date
- 1865-06-20
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
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hielt, fand sich die Ursache im Süden. - Es will mich nun bedünken, daß dieser Zustand noch ärger sei, als der frühere, wo man Soldaten aushob und sich zum Kriege rüstete, wenn man zu einem solchen sich entschloffen hatte oder sich von ihm bedroht glaubte, und zwar aus zweifachem Grunde. Denn erstens ist der „bewaffnete Frieden", wie er seit ungefähr anderthalb Jahrhunderten in immer wachsendem Maße in Europa besteht, nichts Anderes als der organisirte Kriegszustand zwischen den Staaten und Völkern Europa's, und enthält somit das Bekenntniß, daß das barbarische Verhältniß zwischen ihnen nicht mehr ein gelegentliches, zeitweises, zufälliges, sondern ein dauerndes ist, aus welchem man gar nicht herauszukommen vermöge) dieser Kriegszustand sei gleichsam ein integrirender Theil des europäischen Völkerrechtes geworden und habe sich zu einem Lebensmittelpunkt des gesellschaftlichen Organismus ausgebildet. So wie aber , ein sorgfältig organisirter Despotismus viel mehr Barbarei enthält als ein naturwüchsiger, weil dort Entwickelung, Ausbildung, Raffinement, klares Bewußtsein, genaue Kenutniß der Mittel, richtig erkannte Tendenz hinzutreten, so verhält es sich auch mit dem dauernden Kriegszustand des bewaffneten Friedens. Zweitens aber ist derselbe mit einem so großen Kraftaufwand für völlig unproduktive Zwecke verbunden, daß er in gleicher Weise Alle benachtheiligt. Sie entheben mich sicher der Mühe, auf diesen Punkt näher einzugehen, da er für Jedermann durchsichtig ist. Für mich liegt der Schwerpunkt weit weniger in den finanziellen Schwierigkeiten, welchen die Staaten dadurch ausgesetzt werden, sogar weniger in der großen Belastung der Völker, welche durch den großen Aufschwung aller industriellen Cultur dazu befähigter geworden, als vielmehr in der dadurch bewirkten Verhinderung des unendlich vielen Guten, das die Gesellschaft durch dieselben Mittel und Kräfte vollführen könnte, und wodurch sie nach meiner. Meinung im Stande wäre, den größten Theil der socialen Schäden zu heben und zu heilen , an welchen sie leidet. Es ist hier nicht der Ort, gerade diesen Punkt genauer zu erörtern; aber ich glaube, daß diese socialen Nebel nach ihrer Massenhaftigkeit überschätzt werden, und daß sie vielmehr einen Procentsatz gegen die vorhandenen Kräfte und Güter der Gesellschaft ausmachen, welcher die Möglichkeit, eine gewisse Ausgleichung und Hülfe für sie zu schaffen, erweisen wurde. ' Es kommt hinzu, daß der ganze Geist, der in diesem besprochenen Zustande ausgeprägt liegt, mit einem aufrichtigen Streben nach wahrhafter Verbesserung der socialen Verhältnisse' in vollem Widerspruch steht, so daß dieses nicht eher sich geltend machen kann, als wenn jener geschwunden. Aber wenn erst jene kolossalen Mittel der Gesellschaft auf die Erziehung, namentlich der Kinder der niedern Stände, durch deren Verwahrlosung die Menschheit so außerordentlich* verliert, auf die Bildung und Gesittung, auf die Nothstände der s. g. arbeitenden Klassen' und die Verbesserung ihrer ganzen Stellung verwendet werden könnten — wie anders müßte es da werden!.. Sie sehen, ich klage keinen Staat, kein Volk an, denn in der That kann kein einzelnes Glied der Völkerfamilie für sich aus jenen Zuständen heraus, sondern ich spreche nur von der Gesammtheit und weiß wohl, daß diese nur langsam auf dem Wege der Entwickelung vorwärts kommt. Ich glaube, diese Auseinandersetzung wird Ihnen meine obige Aeußerung erklärlich machen. Aber ich weiß, daß Sie dennoch bei meiner Expectoration etwas lächelten. Es kam Ihnen der Gedanke, daß diese bedeutenden Friedensheere ja nicht allein zur Kriegsbereitschaft nach Außen bestimmt sind, sondern nicht minder um die Ruhe im Innern zu erhalten, und jeder Störung derselben mit gewaffneter Hand energisch entgegentreten zu können. Aber Sie würden irren, wenn Sie meine Schlußfolgerungen hierdurch geschwächt zu haben glaubten. Gerade das Gegentheil. Denn wenn Sie hierdurch zugestehen, daß die Zustände im Innern der Staaten und Völker immer noch auch nur ein „bewaffneter Frieden" seien, verdeckte Kriegszustände, in welchen die Parteien nur auf die schwachen Stunden der Gegner warten, um ihnen mit Gewalt das Heft aus den Händen zu nehmen, oder sie völlig zu unterdrücken: so wäre mein Ausspruch erst recht erwiesen, und selbst auf das innere Leben anwendbar, während ich ihn vorher nur auf das Verhalten der Staaten untereinander bezog. Ja, Verschiedenheit der Ansichten, Verschiedenheit der Interessen wird es immer geben; die Entwickelung wird stets vorwärtsgehen, und dadurch entgegengesetzte Gesichtspunkte und feindliches Streben nach Behalten und Erlangen, nach Stillstand und Vorwärts bewirken. Aber Alles kommt darauf an, auf welche Weise die Conflikte ausgeglichen, die Streitigkeiten durchgeführt werden — ob mit den Mitteln der Gewalt von der einen wie von der andern Seite, oder durch die organischen Prozesse des staatlichen Lebens? ob, wie es gegenwärtig den Individuen unmöglich ist, sich anders als durch die gesetzlichen Mittel Recht zu verschaffen, in Besitz zu nehmen