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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-06-20 · Heft 25 (20.6.1865) · p. Seite 374

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 25 (20.6.1865)
Date
1865-06-20
Page
Seite 374 (sequence 2)
Language
German
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einen -freien Spielraum findet, wo vor Allem ein lebhaftes und erfolgreiches Streben nach allen Richtungen hin obwaltet, in einer solchen Zeit könne doch von Heidenthum .uyd Barbarenthum nicht mehr die Rede sein. Hierauf soll ich Ihnen antworten, und zugleich einen Blick auf den gegenwärtigen Stand der Dinge werfen, um den Charakter dieses erkennbar zum machen. Es sei so. Denn obgleich, wie Sie wissen, auch meine Ansicht von den bedeutenden Fortschritten der Gesellschaft die günstigste ist, fühle ich mich dennoch gedrungen, jene Aeußerung noch heute aufrecht zu halten. Das Ziel der Menschheit «ist eben ein sehr weit und hochgestecktes, und der Weg, der noch zurückzulegen, nimmt eine sehr große Strecke ein. Gerade darum darf man sich Täuschungen nicht hingeben, und je klarer wir schauen und je mehr wir die Augen offen halten, desto eher werden wir vorwärts kommen. Nur eine Bemerkung muß ich voranschicken. Sie haben meinen Ausspruch nicht vollständig citirt. Ich sagte damals: die menschliche Gesellschaft stecke in ihrer Wirklichkeit noch mitten im Heidenthume und Barbarenthume. Dies darf doch nicht übersehen werden. Wie mancher Mensch weiß sehr wohl, was recht und gut ist, und thut es doch nicht, oder nur halb, und wir werden von ihm sagen müssen, daß er noch mitten im Unrecht stecke, so richtig auch seine Einsichten sind. Daß die Gesellschaft bereits zum Bewußtsein und zur theoretischen Anerkennung ihrer höchsten Prinzipien und Ziele gekommen sei und immer mehr komme, erkenne ich an; aber mit deren Verwirklichung sind wir, so' scheint es mir, selbst in den civilisirten Staaten noch nicht allzuweit gelangt, und dies ist es, worüber ich mich äußern will. Sie sehen übrigens, daß ich keinen einzelnen oder besondern Staat im Auge habe, sondern nur von der Gesammtheit spreche. Wie werden Sie wohl, werther Freund, einen Staat nennen, in welchem das Recht vorzugsweise an die Gewalt geknüpft ist, wo zwar scheinbar das Recht geltend gemacht wird, aber doch nur durch die Macht Geltung erhält? Ich meine hier nicht das Recht von Oben nach Unten oder von Unten nach Oben, sondern auch zwischen den Bürgern unter einander, wo daher jede Familie sich in ihrem Hause verschanzen, ihr Haus zu einer Festung machet-einen Theil ihrer Glieder stets in Waffen und Tag und Nacht auf der Wacht halten muß, wo es daher immer nur darauf ankommt, wie viele schwächere oder stärkere seiner Mitbürger man für sich interessiren könne, um seinen Bestand und sein Recht zu sichern? Sie erwiedern: Nun, einen solchen Zustand finden Sie doch wohl jetzt nirgends in der civilisirten Welt; dies ist ja ein Bild aus der finstersten Zeit des Mittelalters , aus der Zeit des'Faustrechts, wo Burg gegen Burg, Stadt gegen Stadt, Reich gegen Reich in solchem steten Kampfe begriffen waren, ja in mancher Stadt die Geschlechter und Stände einander-so gegenüber standen. Ganz recht; aber nun werfen Sie einen Blick auf die Stellung unsrer heutigen Staaten und Völker zueinander, und fragen Sie sich, ob jenes Bild nicht noch heute für dieselben zutreffend sei? Ja, innerhalb jedes einzelnen Staates ist es anders geworden; aber innerhalb der Gesammtheit zwischen den Völkern und Staaten ist es heute noch so. Jedes Land umgiebt sich mit einem Gürtel von Festungen; jeder Staat erhält einen bedeutenden Procentsatz seiner männlichen Bevölkerung als stehendes Heer immerfort unter den Waffen; jedes Volk steht in Kriegsbereitschaft da, und zehrt einen großen Theil seiner Kräfte in dieser auf. Sei es nun in kürzer« oder länger« Zeiträumen, immer wieder bricht einmal der Krieg los; man erörtert und verhandelt Jahrzehende hindurch gewisse Fragen, von denen man im Voraus weiß, daß sie doch nur durch das Schwert entschieden werden müssen, und erhält sich in der Vorbereitung auf diese Zukunft. Wie viele Existenzen unter den Staaten bestehen nur durch die Eifersucht der andern unter einanver, und würden morgen verschwinden, wenn die andern sich darüber einigen könnten, was an die Stelle jener zu setzen wäre. Wie? Paßt also nicht meine obige Schilderung ganz und gar auf das wirkliche Verhalten der Staaten und Völker unter einander auch in unsrer Zeit? Ich frage Sie, was anders bedeutet der „bewaffnete Frieden", als das Bekenntniß, daß zwischen den Staaten das Faustrecht noch in voller Geltung sei, daß man den Frieden sich nur durch die Aufhäufz-ng der kriegerischen Mittel, durch die Erhaltung der Wehrkraft zu sichern im Stande sei. Wenn man die einzelnen Politiker wegen der Nothwendigkeit dieser sogenannten Friedensheere befragt, so werden sie heute auf diesen Staat und seinen Beherrscher Hinweisen, und sagen, wir dürfen nicht entwaffnen, so lange jener nicht die Hand vom Schwerte und in Europa die Furcht eines allgemeinen Kriegsbrandes schwinden läßt. ' Aber als der Fürst, den sie nennen, noch nicht existirte, war es just ein andrer, den man in gleicher Weise bezeichnete; wenn der Westen nicht drohte, war es der Osten,, und wenn der Norden sich still ver-

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