Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1865)
- Date
- 1865-06-06
- Page
- Seite 345 (sequence 3)
- Language
- German
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345 erworben und das Heiligthum des Herrn begründet. Indem wir nun über alles Nähere auf unseren Commentar zu diesem Gesang in unseres Bibelwerke Verweisen, heben wir hier nur den Grundgedanken und den Werlaus des Hymnus hervor. Der Sänger sieht die Menschen in zwei Halsten getheilt. Die eine machen die Gewalthaber, die Männer, des Schwertes, des Rosses und der Wagen, die Dränger, Verfolger und Unterdrücker aus, die ihr Recht aus der Schärfe ihrer Waffen und dem Glanze ihres Reichthums ziehn; die andere besteht in den Schwachen, Wehrlosen, Unterdrückten, die den Tyrannen und Freiheitsfeinden nicht einmal die Flucht entgegenzustellen haben. Zwischen beide tritt Gott, der als Herr der Weltschöpfung, Meister der Elemente und als Lenker der Geschicke und zusammentreffender Ereignisse im Nu, urplötzlich und widerstandsfrei die menschliche Macht zerbricht und ihre Splitter zu Boden schleudert, dem Schwachen aber Sieg, dem Unterdrückten Freiheit verleiht und dem Gefesselten die ganze Melt eröffnet. Diesen Gedanken, welcher der gezeichneten Situation ganz angehört, aber der leitende und herrschende Gedanke für die ganzen Geschicke der Menschheit geworden, spricht aus und feiert dieser Hymnus am Ufer des rothen Meeres. Und dies ist dessen Ursprünglichkeit: er spricht diesen Gedanken aus, ganz wie er in der gegebenen Situation sich verkörpert hat, dann aber in seiner Allgemeinheit in kurzen Schlußsätzen der Strophen, wie V. 3: „Der Ewige ist Kriegesmann, Ewiger ist sein Name!" (Ein wirklicher Krieg, eine eigentliche Schlacht Hatte gar nicht stattgefunden.) Ebenso V. 6, V. 11 unendlich V. 18: „Der Ewige regiert immer und ewig." — Von den 4 Abschnitten, in welche das Lied zerfällt, bildet der erste (V. 1—3) den Eingang, der. in merkwürdiger Weise die thatsächlichen Momente ,dem allgemeinen Lobe Gottes, einschaltet. Der zweite (V. 4—6) schildert kurz den Untergang im Meere, und feiert die Allgewalt Gottes, welche jeden Widersacher vernichtet. Der dritte (V. 7—II) beginnt mit demselben Gedanken, und führt die Art aus, wie Gott die Empörer untergehen ließ, und wie diese mitten in ihren feindlichen Plänen zur Vernichtung der Gerechten, vom Odem Gottes angehaucht, den Tod fanden, -und endet mit dem herrlichen V. 11, der die Einzigkeit- Heiligkeit und Wunderkraft Gottes -feiert. Der 4. Abschnitt endlich (V. .12—18) knüpft an diesen plötzlichen Untergang der Feinde die weitere Entwickelung in der Zukunft, die Leitung des erlöseien Volkes mitten durch die angstergriffenen Mationen bis zur verheißenen Wohnstätte und zu dem zu gründenden Heiligthume, und schließt mit dem energischen Satze: „Der Ewige regiert immer und ewig." Es ist also hier vorzugsweise die göttliche Weltregreimng, die allen Kämpfen und Leiden, allen Gewaltthaten und Schwächen der Menschen gegenüber als allein erhaben und entscheidend gefeiert wird.-- Dies ist es, was in der Thorah von Gebeten vorkommt, und wozu wir nur noch eine Betrachtung der besondern Gebetart, die man Segen zu nennen pflegt, fügen wollen. Nicht eigentlich Gebet, sondern Ausdruck der innigsten Herzenswünsche des Segnenden für den zu Segnenden, enthält doch der Segen zugleich das Flehen zu Gott um Erfüllung dieser Wünsche, und ist so immer doch Gebet. Solcher Segen ist daher stets so gedacht, daß zwar das Wort von dem Segnenden, die Erfüllung aber von Gott allein ausgehl, wobei allerdings der Frömmigkeit des Segnenden eine besondere Weihe und Kraft beigelegt wird, und im Munde des Propheten das Segenswort sich zum prophetischen Blick in die Zukunft gestaltet. Am öftesten erscheint der Segen von Seiten der Eltern für die Kinder, dann aber auch vom religiös Höherstehenden, wie von Moscheh für Israel, endlich kultuell vom Priester, der jedoch dabei nur als Beauftragter, als Dolmetscher erscheint. Diese Segnungen sind ein Produkt des israelitischen Lebens-, entsprungen aus dem tiefen Gemüthsleben dieses Stammesin Mchetn sich das Familienverhältniß zugleich mit den religiösen Gefühlen so innig gestaltete, daß aus der Vereinigung beider'der „Segen" entsprang. Auch unter den srmmtlichen Segenssprüchen, welche die Thorah enthält, ist es einer, der wörtlich sormulirt dem Cultus eingeordnet ward, während die aildern als freie Ergüsse des Geistes sich an gelegentliche Veranlassungen knüpfen. Diese feftgestellte Segens formet wird 4 Mos. 6, 22—27 vorgeschrieben, und soll beim öffentlichen Gottesdienste von den Priestern über das gesammte Volk ausgesprochen werden. Auch die christliche Kirche hat ihn angenommen, und so ist er für die ganze Menschheit von hoher Bedeutung geworden. Doch hebt das h. Wort in V. 27 ausdrücklich hervor, daß die Priester nur das Wort des Segens auszusprechen haben, Gott selbst den Segen bewirkt: „Und sie sollen meinen Namen legen auf die Söhne Israels, und ich werde diese segnen." Diese Segensformel ist an Form und Inhalt ebenso einfach wie erhaben, ebenso klar und verständlich wie dennoch eine weite Perspective eröffnend, 23» '