Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1865)
- Date
- 1865-05-30
- Page
- Seite 332 (sequence 4)
- Language
- German
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wicht legen, daß immerhin, da die Römer die Gewalt besaßen, und das Uriheil des jüdischen Gerichtes zu bestätigen hatten, ein Theil der Schuldhaftigkeit auf diese fällt; denn man würde erwiedern, daß, wären die Juden damals frei gewesen, sie das Uriheil selbst ausgeführt hätten, wenn auch nicht durch Kreuzigung. Unsre Frage stellt sich vielmehr als eine zwiefache dar: 1) in wie weit stehen wir bei diesem ganzen Vorgänge auf wirklich historischem Boden? und 2) wie stellen sich die Motive und das Verfahren in diesem Prozesse und hieraus die Schuldhaftigkeit oder die Rechtfertigung der dabei betheiligten jüdischen Richter und Volksführer, sowie des damaligen Volkes selbst heraus?— Wir betonen hierbei das „damalige", obgleich es jetzt wohl unnöthig ist, darauf hinzuweisen, daß, wenn sich selbst eine schwere Schuld der damaligen jüdischen Richter und Volksführer ergeben sollte, die Nachkommen, die folgenden Geschlechter der Juden keinen Theil an dieser Schuld hätten, und keine ungeborene Generation für die Thaten der Vorzeit verantwortlich ist. Hierüber ist wohl kein denkender Mensch mehr zweifelhaft. Aber auch die Betrachtung müssen wir noch hervorheben, daß hierbei der allgemeine humane, oder besser der moderne Standpunkt nicht eingehalten werden kann, um Motiv und Verfahren in diesem Prozesse betreffs der dabei betheiligten Personen zu beurtheilen, da es vielmehr darauf ankommt, zu erkennen, ob gesetzmäßig verfahren und dem damals giltigen Gesetze gemäß geurtheilt worden ist. In den Untersuchnngeu über unsere Frage ging man aber nun zunächst von der zweiten oben gezeichneten Position aus, und gelangte erst später zu der ersten. Dies war auch natürlich. Es existirt nämlich, wie bekannt, kein einziger geschichtlicher Bericht über den gesammten Vorgang, keine einzige zeitgenössische Mittheilung, und man ist lediglich auf die Erzählung der Apostel beschränkt. Bis vor Kurzem fand aber nun allgemein noch kein Zweifel an der unbedingten Glaubwürdigkeit dieser Erzählungen statt und die ersten, welche unseren Gegenstand einer Prüfung unterwarfen, mußten daher zunächst darauf ausgehen, die Motive und das Verfahren aus diesen Berichten der Apostel selbst zu demonstriren, ohne die historische Gültigkeit jenes ganzen Zeugnisses irgend wie anzutasten. Auf diesen Standpunkt stellt sich daher auch. Salvador, als er in seiner „Geschichte der mosaischen Institutionen" im . 3. Kap. des 4. Buches unsren Gegenstand behandelte.*) Er sagt hierüber: „Meine Frage die zu keiner Zweideutigkeit Veranlassung geben kann, ist einzig und allein: „Haben die Juden Jesus Christus, nachdem sie in ihm nur den Bürger erkannten, nach den herrschenden Gesetzen und Rechtsformen gerichtet oder nicht?" — Ich entleihe dabei alle Thrtsachen aus den Evangelien selbst, ohne in die Frage einzugehen, ob diese ganze Geschichte nicht erst später entwickelt wurde, um einer neuen Lehre oder einer alten Lehre, der man eine größere Ausdehnung gab, eine Form zu geben." Er bemerkt ferner: „Ob das Gesetz gut oder schlecht, die Formen passend oder unpassend gewesen sind, untersuche ich hier nicht weiter." Der wesentlichste Punkt ist daher für Salvador, zu eruiren: wie haben die damaligen Juden die Worte und Reden Jesu verstanden? Und es stellt sich ihm heraus, daß sie ihn durchaus so verstanden, daß er sich für G o t t ausgebe. Salvador sagt: „Jesus spricht von sich selbst wie von Gott; seine Schüler wiederholen dies, und der Verlauf der Ereignisse beweist mit höchster Gewißheit, daß sie ihn so verstanden hatten. Dies war in den Augen des Volks eine schreckliche Gotteslästerung; das Gesetz befiehlt, sich nur an den Einen Jehova zu halten, nie an Götter von Fleisch und Bein zu glauben, die Männern oder Frauen glichen; den Propheten nicht zu hören und nicht zu schonen, der, selbst wenn er Wunder thäte, einen neuen Gott verkündete, einen Gott, den sie und ihre Ahnen nicht kannten." (5 Mos. 4, 15. Kap. 13.) Salvador beruft sich hierbei auf die Apostel selbst (Joh. 6, 39. 42. Matth. 13, 55.), auf das Murren der Juden, als Jesus gesagt, er sei vom Himmel herabgestiegen, um dies Alles zu vollbringen, wie das Volk ihn habe steinigen wollen, und dies zu thun erklärte: wegen deiner Gotteslästerung, denn obgleich, du ein Mensch bist, machst du dich zum Gotte." (Johannes 10, 30.) Salvador fügt hinzu: „Wollte man übrigens, um eine Anklage gegen die Juden zu finden, behaupten, daß Jesus sich nicht ausdrücklich für einen Gott ausgab, so setzte man sich den Antworten ihrerseits aus: warum glaubt Ihr es denn, warum war es möglich, ihn so zu verstehen, warum verstanden ihn seine Jünger so?" — Die Evangelien '*) Es ist uns nur die deutsche Uebersetzung, die in Hamburg 1836 von vr. Essenna, bevorwortet von Or. Gabriel Rießer, erschien, zur Hand. Das Kap. befindet sich daselbst in B. II. S. 67^.79, ■ -