Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1865)
- Date
- 1865-05-30
- Page
- Seite 331 (sequence 3)
- Language
- German
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331 betes und darin liegt feine Wahrheit, ob sie vor der logischen Schärfe des Verstandes bestehe oder nicht. — Aehnlich verhält es sich, wo Moscheh Gott bei den Widersetzlichkeiten des Volkes um Vergebung der Schuld desselben anruft, wie 2 Mos. 32, 31, 32. Der große Charakter Moscheh's offenbart sich hier am meisten, wie er unwillkürlich sich im Gebete kundthut. Er will sein Schicksal niemals von dem seines Volkes trennen; so viel es sich auch an ihm selbst versündigt, will er die Folgen, die es treffen müssen, Lheilen, und lieber mit ihm untergehen, als mit seiner Familie und seinen Anhängern übrig bleiben, und ein neues Israel begründen. Dies spricht er im Gebete aus, und gründet darauf den Anspruch auf die Vergebung für das Volk. Abgesehen hiervon wird hier und an andern Stellen das innige, offene, reuige Gebet um Vergebung unsrer Schuld uns an das Herz gelegt und in ihm der bedeutendste Schritt zur Erlangung der göttlichen Versöhnung, zur Ausgleichung und Aufrichtung unsres niedergeworfenen und entweiheten Geistes dargeboten. So besonders im Gebete Moscheh's 4 Mos. 14, 13 ff., wo einerseits an die unendliche Barmherzigkeit Gottes appellirt, andererseits auf die Nothwendigkeit hingewiesen wird, daß die Menschen durch die sichtliche Bethätigung der Gnade und Allmacht Gottes zur Erkenntniß G-ottes geführt werden.— Eine andere Gattung von Gebet ist es, wenn der Mensch in allen Nöthen seines Lebens, in Siechthum, Schwäche und Bedrängniß um Hülfe und Beistand Gott anfleht. Merkwürdig ist die Kürze, deren sich die Thora gerade bei solchen Gebeten bedient. Entweder es wird nur davon referirt, wie 1 Mos. 20, 17. 25, 21. und öfter; oder das Gebetwort tritt in einer mächtigen Kürze auf, die nur einem Ausrufe aus der Fülle der bewegten Seele gleicht. So das einfache Wort Jakobs, durch das er seine Aussprüche über seine Söhne 1 Mos. 49, 18 unterbricht: „Auf deine Hülfe hoffe ich, Ewiger!" Man weiß, wie verschieden dieser Ausruf mitten in feiner ganzen Rede gedeutet worden ist. Besonders fand man darin ein kurzes Gebet um Verleihung genügender Kraft, die Rede zu vollenden, was so kurz vor dem Tode nicht unangemessen erscheint. Uns bedünkt der wahre Sinn tiefer zu liegen. Jakob sieht die Stämme in zwei Gruppen getheilt, indem die eine sich um den Hauptstamm Juda, die andere um den gewaltigen Joseph (besonders Ephraim) schaart. Die Rivalität, der Kampf zwischen beiden um die Obherrschaft in Israel ist nicht zweifelhaft, und so drängt sich, aus-dem besorgten Herzen des Vaters, indem er von einer Gruppe zur andern übergeht, dieses kurze Gebet heraus. (S. daß Nähere in unst Comm. z. St.) In seinen wenigen Worten prägt sich die Fülle der Beforgniß, aber auch die noch größere Fülle der Zuversicht auf die Hülfe des Ewigen aus, und dieses wirkliche „Stoßgebet" auf den Lippen eines Geängstigten mitten im Drange des Augenblickes wird ihn wunderbar erleichtern. — Von gleich merkwürdiger Kürze ist 4 Mos. 12, 13 das Gebet Moscheh's um die Heilung Mirjam's: „O Gott, heil' sie doch!", wo noch dazu der Gleichklang der Laute: „LI na repa na-lad" höchst charaktervoll ist und erweist, daß das Gebet so wirklich vollständig unS überliefert und nicht etwa blos angedeutet ist. (Fortsetzung folgt.) Die Me Der-Stiftung. Nach Mittheilungen aus Frankfurt a. M. wird ein Band der Schriften Rießer's in einigen Monaten im Druck beendet sein. Der erste Band, welcher die ausführliche Biographie Rießer's enthalten wird, erscheint etwas später, da Herr Dr. Jsler in Hamburg mit dieser Biographie, für welche viele Briefe des verewigte« Rießer benutzt werden, noch beschäftigt ist. Haben wirklich die Juden Jesurn gekreuzigt? II. Durch den Nachweis, daß die Kreuzigung bei den Juden keine gesetzmäßige Todesstrafe war, daß daher eine solche von ihnen niemals vorgenommen werden dürfte, ist indeß für unsere Frage nur wenig gewonnen. Denn es ist hinlänglich bekannt, daß sie damals unter der Herrschaft der Römer standen, in deren Händen sich allein die Ausübung der Criminaljustiz befand. Immerhin konnten daher dennoch die Juden die unmittelbaren Urheber der Hinrichtung sein, die dann nur durch die Römer nach ihrer Weise ausgeführt ward. Jene hätten zwar nicht selbst Hand an die Perfon Jesu gelegt, wären aber dennoch die wirklichen Veranlaffer feines TodeS gewesen. Und dies ist es denn auch, wessen sie bezüchtigt werden. Denn auch darauf wollen wir kein Ge- 22*