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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-05-30 · Heft 22 (30.5.1865) · p. Seite 330

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 22 (30.5.1865)
Date
1865-05-30
Page
Seite 330 (sequence 2)
Language
German
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330 ihre eigene Bewährung an. Wir wissen, daß diese ganze Stelle eben nichts Anderes aussprechen soll, als daß überall, und so auch in diesem furchtbareren Vorgänge, sich die. Gerechtigkeit Gottes ganz und gar bethätigt habe, denn der einzige Gerechte wird von dem Untergänge nicht betroffen. Wir haben aber nach dem Zwecke unsrer Betrachtung hier die Worte der Schrift nur so zu nehmen, wie sie dastehen, und dagewähren sie uns einen tiefen Einblick in die Natur alles Betens, in die ganze Naivetät, welche in dem Wesen jedes unmittelbaren Gebetes liegt. Das Gebet ist kein Produkt der Reflexion, kein Erzeugniß metaphysischer Begriffe; es schreitet nicht an dem Stabe strenger Logik einher; es hat seine Genesis in der Bewegung rein menschlicher Gefühle, und spiegelt diese allein ab, wenn es diese Empfindungen vor Gott auSspricht. Wenn wir uns den vollkommenen Gott in aller seiner Weisheit und Liebe, als die Vorsehung und zu gleicher Zeit gerechte und barmherzige Vergeltung, kurz Gott in der Vollendung seines Begriffes vorstellen: so hört jedes Gebet auf, und die flehende Lippe muß verstummen. Was sollten wir wohl von seiner Weisheit erflehen, da Alles, was von ihm ausgeht, allweife und zu unserm Besten ist? Wie könnten wir seine Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, seine Gnade und Waltung anrufen, da ja aus dieser Alles schon erfließt, was uns zum Heile gereicht. Aber eben jene Begriffe sind nicht die Quelle deS Gebetes, sondern über alle diese hinaus verlangen die Empfindungen unsrer Seele ihren Ausdruck; jene logischen Vorstellungen sind nur ein kühler Trost, während unser Herz nach einem kräftigen Labetrunk schmachtet,-den wir nur darin, finden, daß wir uns unmittelbar an das Vaterherz unsres Gottes lehnen, und wie ein Kind vor dem irdischen Vater alle Bedrängniß unsres Gemüthes aussprechen. Diese eigenthümliche Natur des Gebetes ist in der Stelle der heiligen Schrift, bei der wir eben verweilen, in den sinnigsten Zügen angedeutet, und, haben wir dies begriffen, so erscheinen uns diejenigen recht lächerlich, welche in ihrem Dünkel, da sie sogar kein Verständniß der Worte hatten, über dieselben spotteten. Abraham weiß, daß Gott „der Richter der ganzen Erde" und die unendliche „Gerechtigkeit" ist, und dennoch fleht er diesen Gott an, gerecht zu sein, und die Gerechten nicht um der Sünder willen leiden zu laffen. Er weiß es, und dennoch betet er so. Darin liegt die Naivetät alles Gebetes. Sein menschenfreundlich, tief empfindendes Herz wird von dem Mitgefühl für das Geschick etwaiger dort befindlicher Gerechten bewegt; sein schuldloser Sinn kann es noch nicht fasten, daß in einem so bedeutenden Landstrich alle Menschenkinder gänzlich verderbt sein sollen, und dies spricht er im Gebete aus. So ist das Gebet unmittelbar, tiefsinnig und heilig, hat seinen Anfang, wo der Mensch empfindet, und sein Ende, wo er reflectirt. — Dieselbe Naivetät im Gebete tritt uns auch an andern Stellen der Thora, tritt uns selbst in Gebeten Moscheh's, des erleuchtetsten der Propheten, entgegen. So 4 Mos. .11, 11—15. Das Murren des Volkes wiederholte sich immerfort, und es war kein Murren, das aus Mangel und Entbehrung entstanden, sondern aus Lüsternheit nach den Speisen Aegyptens. Die Freiheit, die ihm verliehen, die wunderbaren Rettungen, die ihm geworden, die Erkenntniß und Gesetze, die ihm übergeben worden, alles Dies hatte das Volk nicht so weit aufgerichtet und erhoben, daß es nicht vor jedem sinnlichen Gelüste in Unmuth und Widersetzlichkeit verfallen wäre. Da wallten die Gefühle Moscheh's auf; warum habe gerade er die unermeßliche Last dieses Volkes zu tragen? Ist er der Vater oder der geborene Wärter desselben? Woher solle er das Fleisch nehmen für eine so zahlreiche Menschenmenge, woher habe sie das Recht, es von ihm zu fordern? Tief elend fühlt er sich darüber, und er wünscht lieber zu sterben, als sich länger von solcher Bürde erdrückt zu sehen. Dies sind die Empfindungen, die er vor Gott ausspricht. Freilich, die Reflexion hätte ihm, bester als uns, gesagt: allerdings bist du der geborene Wärter dieses Volkes, allerdings der Vater dieses Volkes, das unter deiner Leitung und durch deine That zum Volke geworden, denn der Herr hat dich dazu berufen, und dir die Kraft verliehen, es zu vollbringen! Die Reflexion hätte ihm, klarer als uns, gesagt: Dein Wunsch zu sterben, ist gleichfalls ein Murren wider den Herrn, und du kannst deinem heiligen Berufe nicht eher entsagen, als bis er nach dem Willen des Herrn vollendet ist! Aber nicht die Reflexion, sondern die unmittelbaren Empfindungen des Menschen, wie sie bei jeder Berührung mit der Außeuwelt in der Seele entstehen, und in gewaltiger Fluth auf einige Zeit alles Andere überwältigen und zurückdrängen, diese werden im Gebete ausgesprochen, dürfen und sollen im Gebete zum Ausdruck kommen, um dem geängstigten Herzen Luft zu schaffen, und ihm den Weg zur Reflexion und zur ruhigen Würdigung der Verhältnisse wieder zu eröffnen. Dies ist das Wesen des Ge-

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