Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1865)
- Date
- 1865-05-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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29. Jahrgang. 31 H g t Itt C t N C 22. Zeitung -es Audenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig PhiliPPson in Bonn. Leipzig, den 30. Mai 1865. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal. Dienstags, in l*/s bi» 2 Bogen. Preis deS Jahrgangs 3 Thlr. Halbjährig 1 Thlr. 15 Rgr. /Vierteljährig?2'/2 Ngr. Inserate werben mit 1 */* Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Beilagegebühren betragen für 1 Bogen 4 Thlr., für *}% Bogen 3 Thlr.. für J/4 Bogen 2 Thlr. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitung».Expeditionen nehmen Bestellungen an; der Haupt- Expedition für beide Letztere hat. sich das König!. Sachs. Haupt-Zeitungs-Bureau hier unterzogen. ' Inhalt. Leitende Artikel r Der Geist des Judenthums in seinen Gebeten nach den verschiedenen Zeitaltern. — Die Rießer- Stistung. — Haben wirklich die Juden Jesum gekreuzigt.— Literarischer Wochenbericht. — Victor Hugo über Jesaias und Hesekiel. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Taubvrbischofsheim. Oejterrei chischer-Kaiserstaat: Kolomea, Gr.-Becskerek. Frankreich: Paris, Nordamerika: New-Uork. Australien: Wellington. Leitende Artikel. Der Seist des Iudenthums in seinen Gebeten nach den verschiedenen Leitaltern. (Fortsetzung.) Mustern wir nun sämmtliche Stellen der Thora, in welchen Gebete, an augenblickliche Ereignisse sich knüpfend, Vorkommen, so erkennen wir die mannigfaltigsten Veranlassungen, die sich aber dennoch in gewisse Kategorien bringen lassen. Charakteristisch ist es, daß das erste dieser Art sich an die Erkenntniß tiefer Schuldhaftigkeit schließt, und, sowie eine Bekenntniß der Schuld, die Wie UM: Beschränkung der Strafe ausspricht. Die Religion tritt hier gleich in ihr höchstes Recht und ihre höchste Aufgabe ein: den Menschen zu klarer Erkenntniß seiner Verirrung und zur Ausgleichung seines tief erschütterten Seelenzustandes zu führen, den Sturm der Reue in ihm hervorzurufen, aber auch die Palme des Friedens und der Versöhnung als das Ziel, zu welchem er sich wieder emporringen muß, zu zeigen^ Es.Ast dies das Gebet Kain's, 1 Mos. 4, 13. 14. Die Schuld des Brudermörders ist in ihm selbst offenbar geworden, die Schauer der Ruhelosigkeit durchzucken sein Herz, und treiben ihn aus der durch Arbeit geschaffenen Heimath in die ziellose Ferne, die erschütterte Phantasie malt ihm aus dem Bewußtsein seiner Schuld und der begonnenen Strafe noch Furchtbareres vor, weil er flüchtig ist, dünkt er sich vogelfrei, und Jeder könne ihn, der getödtet hat, schuldlos tödten. Da schreit seine geängstigte Seele zu Gott empor, und er, der früher Verstockte, ruft aus: „Zu groß ist meine Schuld, um sie zu ertragen" u. f. w. In tiefer Sinnigkeit ist aber das Wort gewählt, daß ebenso „Schuld" wie „Strafe" bedeutet, weil eben in dem Geiste solches Verbrechers Schuld und Strafe sich identificiren. Er fühlt sich machtlos dieser gegenüber, und wie der Flucht anheimgefallen, so wehrlos gegen Jeden, der ihn angreifen würde. Bemerken wir hier, was für alle, in der Thora angeführten Gebete gilt: es sind die Bewegungen der Seele mit wenigen Strichen im Lapidarstyle gezeichnet. — Die zweite Veranlassung zu einem Gebete, schließt sich der ersten leicht an, und dennoch aus sehr verschiedenem Motive. Es ist dies das Gebet Abrahams vor der Zerstörung Sodoms I Mos. 18, 23—25. Abraham betet um die Schonung der Stadt, wenn unter deren Sündern noch einige Gerechte sich befinden, damit diese nicht mit jenen hinweggerafft werden, er flehet die Gerechtigkeit Gottes „des Richters der ganzen Erde", um