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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-05-09 · Heft 19 (9.5.1865) · p. Seite 285

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 19 (9.5.1865)
Date
1865-05-09
Page
Seite 285 (sequence 3)
Language
German
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285 Freudig und voll Bewunderung begrüßten wir die Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland : sie ist friedlich und gesetzlich durchgeführt, und wenn sie einzelnen Personen wohl Opfer an ihrem Eigenthum gekostet haben mag, so sind diese doch nur unbedeutend gegen die unermeßlichen Vortheile, und man weiß, daß nationalökonomisch sich jene persönlichen Opfer bald in das Gegentheil für den selbst wandeln, der sie zu tragen hatte. Dort aber sahen wir hunderttausende von Gräbern, verheerte Landschaften, verbrannte Städte, verwüstetes Eigenthum, zahllose untergegangene Familien, die scheußlichsten Leidenschaften vor uns ... in dem Augenblicke selbst, wo wir dies niederschreiben, kommt die erschütternde Nachricht von der Ermordung des Präsidenten Lincoln und seines Ministers Seward! So furchtbar ist der Fanatismus der Südfiaaten, so blutbefleckt der Boden der Republik! . . . Aber ulles dies kann an dem Resultate nichts ändern, und in der ununterbrochenen Flucht der Zeiten haben wir nur auf dieses allein unser Auge zu richten, weil es allein die Dauer und den Bestand in sich enthält. Ja, es ist das mosaische Prinzip, das in beiden Begebenheiten zum endlichen Siege gekommen. Aus einem Lande gezogen, wo das ganze Volk leibeigen geworden duldete der Mosaismus keine Leibeigenschaft auf seinem Boden, und Jedermann war frei auf seiner freien Scholle. In einer Zeit, wo die Sklaverei in allen Menschengebieten herrschte und noch Jahrtausende als unentbehrlich, uud darum als natürlich und berechtigt angesehen wurde, wandelte der Mosaismus das Sklaventhum in eine siebenjährige Vermischung um, innerhalb derer der Vermiethete unantastbare Rechte behielt. Mit dem Aufhören des Iobeljahres dekretirten die jüdischen Weisen auch den Wegfall dieser Art, die persönliche Freiheit zu beschränken. Der Mosaismus ist die einzige Religion, welche dieses Prinzip als ein religiöses verkündete und durchführte. Mehr als drei Jahrtausende sind seitdem verflossen, aber es wuchs und wuchs an Kraft, und verbürgt durch seine Erfolge, daß es einst herrschen werde über die ganze Erde. . Tknan und Egkptcn. In dem ersten Aprilhefte der Revue des deux Mordes ist ein ausführlicher Bericht Renan' s aus Egypten enthalten, der namentlich die in der jüngsten Zeit von Marietta veranstalteten systematischen Ausgrabungen bespricht, und auf deren Ergebnisse hin das altegyptische Wesen behandelt. Die Art und Weise, in welcher Rönan geschichtliche Erscheinungen und große historische Culturepochen zu kritisiren und zu beleuchten pflegt, ist bekannt genug, um uns einer Charykterisirung zu überheben. Es wird mit Kühnheit als feststehendes Faktum angenommen, was sonst noch der kritischen Erörterung zu unterliegen scheint; auf dieses dann Hypothesen gebaut, die aber innere Widersprüche nicht vermeiden; die einfach und doch effectvoll gestaltete Form, .die flüssige und belebte Sprache, der anregende Geist geben der Darstellung für den Leser eine Überzeugungskraft, die in der Sache selbst noch nicht liegt. Es ist hier nicht der Ort, die historischen Daten der altegyptischen Geschichte, wie sie Rönan gruppirt unv ihre Anfänge bis auf sechs Jahrtausende vor der christlichen Zeitrechnung hinaufführt, zu erörtern. Werfen wir nur einen Blick auf den Charakter, welchen der Verfasser dem altegyptischen Wesen zuschreibt und wie er ihn zu erklären sucht. Zwiefaches hebt er hervor; zuerst, daß in der überraschendsten Weise jede Entwicklung in der egyptischen Kunst und Industrie fehlt, sondern die ältesten Ueberreste mit den jüngsten in Art und Ausführung gänzlich übereinstimmen, als ob die egyptische Kunst und Arbeit gleich so geboren worden, wie sie dann für immer verblieb, so daß sie sich zu aller Zeit nur selbst kopirte, und zweitens, daß bei einer bewundrungswürdigen Meisterschaft in der detaillirten Ausführung doch alle Genialität fehlt, und Egypten ununterbrochen das Reich der Mittelmäßigkeit blieb, Umstände, welche Renan veranlassen, Egypten mit China zu vergleichen, und die zutreffendsten Analogien, zwischen beiden zu finden. Egypten, meint er, beginnt mit keiner mythologischen Geschichte, sondern mit der einfachen, nackten Historie, Chronologie und Registern. Und da zeigt es sich denn, daß alle diese ausgedehntesten Zeiträume keinen einzigen großen Mann aufzüweisen haben, und der lange Faden der egyptischen Geschichte von keinem großen Politiker, keinem großen Philosophen, keinem großen Dichter oder dergleichen unterbrochen wird. Wie ist dies zu erklären? Ränan greift zu seinen gewöhnlichen Mitteln, zum Racenschematismüs. Wenn das erste Moment, der Mangel an aller Entwickelung, das Vorhandensein der ganzen Kunst schon bei ihrem Beginne so ganz etwas Anderes ist, wie bei der arischen und semitischen Race, so ist dies eben nach R6nan die Eigen- 19*

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