Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1865)
- Date
- 1865-05-09
- Page
- Seite 284 (sequence 2)
- Language
- German
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284 und in allen Verfaffungen die Befriedigung erzwingt. Denn von vornherein hätte man sich doch vorstellMsollendaß meinem autokratischen Staate die Umwandlung von 22> MiL Leibeigenen in freie Männer und sh, ungeheurer Landstriche in freies Eigenthum nicht ohne furchtbaren Aufstand und Umsturz hätte vor sich gehen können, und im Gegentheil innerhalb der freiesten Verfassung, welche jedem einzelnen Staate des Bundes die möglichste Selbständigkeit verbürgte, die Abschaffung der Sklaverei allmählig und in friedlichster Weise geschehen mußte-und siehe da! das gerade Gegentheil fand statt. Im Czaarenreiche wurde jene große Entfesselung im ungestörtesten Verlaufe, einfach durch das Gesetz und die Autorität des Staatsoberhauptes vollführt, und in der nordamerikanischen Union galt es, jenes Resultat durch den blutigsten Bürgerkrieg, der hunderttausende von Menschenleben und Milliarden an Eigenthum verschlang, erkämpfen. In der Tiefe waren in Rußland die Verhältnisse seit langer Zeit dahin gelangt, daß der bisherige Stand der Dinge nicht mehr erhalten werden konnte; nach dem Krimkriege war Rußland unabweislich dahin gedrängt, durch innere Reformen seine gebundenen Kräfte zu entwickeln, und so wurde es einem einsichtsvollen und großsinnigen Monarchen nicht zu schwer, das durchzuführen„ was schon seine beiden Vorgänger als nothwendig erkannt hatten, aber bei großem Widerstande, dem sie noch begegneten, nicht bewerkstelligen konnten.— Als die nordamerikanische Union gestiftet wurde, fanden die Begründer der Sklaverei in den Südstaaten und die Abwesenheit derselben in den Nordstaaten vor, und obschon auch sie bereits ahnen mußten, daß dieser Widerspruch für die Union. höchst gefährlich sein mußte, waren sie doch außer Stande, denselben zu beseitigen, und hofften, daß durch die Unabhängigkeit der einzelnen Staaten hinsichtlich ihrer inneren Verwaltung darüber hinweghelfen würde. Sie irrten sich hierin, aber konnten nicht anders. Die Union litt also an einem zwiefachen Widerspruch. Ihr Staat baute sich auf dem' Grundsatz der unbedingtesten Gleichheit' und der persönlichen Freiheit Aller auf, und ließ doch die höchste Ungleichheit und Unfreiheit, das Sklaventhum, in sich bestehen; und es waren Staaten mit einander verbunden, deren Interessen durch die ganze Anlage ihrer politischen Körper durch die Verneinung oder Zulassung der Sklaverei völlig entgegengesetzt war. Denn der Bestand einer solchen Institution gestaltet die ganze innere Beschaffenheit und Gesetzgebung eines Staates in eigenthümlicher Weife und bringt die schroffsten Gegensätze gegen andere Staaten, in welchen sie beseitigt ist, hervor. Zwei Umstände mußten; daher die beiden S taätengrUppen ''mit, einander in wachsenden Zwiespalt bringend Der eine, .daß bei der rasch steigenden Bevölkerung ebenso wie durch die Vergrößerung nach Außen neue Staaten im nordamerikanischen Bunde entstehen mußten, da jede Landschaft durch die Erreichung einer bestimmten Seelenzahl gesetzlich berechtigt war, einen neuen besondern Staat zu bilden, und sich nun jedes Mal, wo dies eintrat, die Frage erhob, ob der neue Staat ein sklavenfreier oder ein sklavenhaltender sein solle. Durch das Wachsen der elfteren mußten die letzteren in ihrer Existenz als solche sich immer mehr bedroht fühlen, da die Gesetzgebung durch die Majorität in den Händen der ersteren lag. 'Der zweite war, daß, während Nordamerika unbedingt jedem Ankömmling die Existenz als freier Mensch zusicherte, Sklaven, die sich in einen sklavenfreien Staat geffüchtet hatten, wieder ausgeliefert werden sollten. Die Sklavenstaaten mußten um der Sicherung ihres Eigenthums willen darauf bestehen, die anderen eine immer größere Abneigung hiergegen empfinden. So bedurfte es keiner Sehergabe, um den unfehlbar eintretenden Bruch vorauszusehen, und in der That kann man dies in Schriften von vor zwanzig Jahren bereits ausgesprochen lesen.*) Wie dieser nun kam, wie furchtbar der Kampf, wie außerordentlich die Energie, wie unermeßlich die Opfer, dies gehört zur Geschichte des Tages und ist Jedermann bekannt. Wir geben nun zu, daß der Norden mehr um die Existenz der Union, mehr aus Entrüstung über die Rebellion als um die Sklavenfrage gekämpft hat. Aber hierin gerade spricht sich ja das Wirken der göttlichen Vorsehung am klarsten aus, daß ]bie Verhältnisse sich so fügen, daß die Menschen auch ohne und sogar wider ihren persönlichen Willen für die Lösung der großen menschengeschlechtlichen Frage kämpfen müssen, und andererseits diejenigen durch ihre Leidenschaft fördern müssen, die das höchste Interesse hätten, durch rechtzeitige Nachgiebigkeit ihren in der Unfreiheit ihrer Mitmenschen begründeten Vortheil noch durch lange Zeiten hindurch zu bewahren. So freilich flößt uns ein jedes dieser beiden großen Ereignisse eine sehr verschiedenartige Empfindung ein. *) Z- B. Tocqueville, Sur la dömocratie en Amerique. Wir in unseren Vorlesungen über die Religion der Gesellschaft.