Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1865)
- Date
- 1865-05-02
- Page
- Seite 269 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226473-3226492--23000-3250284- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
auf welchem sich alle asiatischen Völker zusammenfinden. Die Mehrzahl der Menge hat iranischen Typus, nächstdem die tartarische Physiognomie in der turanischen Masse sich bemerklich. Dann sagt er: Mitten in diesem Gedränge der zwei Hauptracen Asiens stelle plan sich hier und da zerstreut einige Indier (Multani, wie sie hier heißen) und Juden vor, die als Unterscheidungszeichen eine Art polnischer Kappe auf dem Kopf und einen Strick um die Lenden haben. Der Indier mit feinem rvthen Zeichen auf der Stirn und seinem gelben, abstoßenden Gesicht könnte eine Vogelscheuche für das größte Reisfeld abgeben, der Jude mit seinen edlen, meisterhaft schönen Zügen und prachtvollen Augen unfern Künstlern als Musterbild männlicher Schönheit sitzen." — Es muß wohl von besonderem Interesse feinf zu erfahren, wie der große Napoleon am Ende seines Lebens über die Religion dachte. Ein Mann von so außerordentlichen Fähigkeiten, einer so wunderbaren Laufbahn und so merkwürdigem Schicksalswechsel hat in seinen unumwunden ausgesprochenen Ansichten eine große Bedeutung. Wir lesen hierüber im 62. Buche von Tüier's bistoire du consulet et de l’empire (Tom. 19, p. 571.): „Jemehr die Langeweile und die Unthätigkeit seine Gesundheit zerstörten, desto mehr sah er seinen Tod herannahen, desto häufiger unterhielt er sich über Philosophie und Religion.' Gott, sagte er, ist überall sichtbar im Weltall, und die Augen, welche ihn nicht sehen, müssen entweder sehr blind oder sehr schwach sein. Ich sehe ihn in der ganzen Natur, ich fühle mich in seiner allmächtigen Hand, ich suche nicht an seiner Existenz zu zweifeln, denn ich fürchte mich nicht vor ihr. Ich glaube, daß er ebenso nachsichtig wie groß ist, und ich bin überzeugt daß, in seinem großen Schoße zurückgekehrt, wir alle Ahnungen der menschlichen Seele bestätigt finden, und daß dort gut oder böse ist, was die wahrhaft aufgeklärten Geister. auf Erden für gut oder böse anerkannt haben. Ich übergehe die Jrrthümer dieser Völker, welche man daran erkennen kann, daß der Irrthum des einen niemals der des andern ist; aber was die großen Geister aller Nationen für gut oder böse erklärt haben, das wird auch dasselbe in dem Schoße Gottes sein. Ich hege keinerlei Zweifel in dieser Beziehung, und trotz meiner Fehler nähere ich mich ruhig dem erhabenen Gerichte. Weniger sicher bin ich meiner Sache, wenn ich das Gebiet der positiven Religionen betrete. Dort begegne ich bei jedem Schritte der Hand des Menschen, und oft verletzt und chokirt.sie mich . . . . Aber matt darf diesem Gefühle nicht nachgeben, in welches sich viel menschlicher Hochmuth mischt. Wenn, indem man die nationalen Traditionen unberücksichtigt läßt, die in der Religion aller Völker Vorkommen, man darin den Gottesbegriff, den Begriff des Guten und des Bösen bestimmt ausgedrückt findet, so ist dies das Wesentlichste. Ich bin in Moscheen gewesen, ich habe bort die Menschen vor der ewigen Allmacht knieen sehen, und obgleich meine nationalen Gewohnheiten oft verletzt wurden, habe ich dort dennoch kein Gefühl der Lächerlichkeit empfunden. Die Verläumdung, die meine Handlungen entstellt hat, sagte, daß ich in Kairo den Islam bekannt hätte, während ich in Paris vor dem Papste den Katholiken spielte. In Alledem findet sich etwas Wahres, denn selbst in den Moscheen fand ich Verehrungswürdiges, und ohne dort so bewegt zu werden wie in den katholischen Kirchen, in denen meine Kindheit erzogen worden ist, sah ich dort den knieenden Menschen, der seine Schwäche demüthigte vor der großen Majestät Gottes. Jede Religion, die keine barbarische ist, hat ein Recht auf unsere Achtung, und wir Christen haben den Vortheil, eine zu besitzen, welche aus den Quellen der reinsten Moral geschöpft ist. Wenn man sie alle achten muß, so haben wir um so mehr Grund die unsrige zu achten, und Jeder soll übrigens in der leben und sterben, in der seine Mutter ihn gelehrt hat, Gott anzubeten. Die Religion ist ein Theil des Geschickes. Sie bildet mit dem Boden, den Gesetzen, den Sitten, das heilige Ganze, das man das Vaterland nennt, und das man nie verlassen darf. Als zur Zeit des Concordates einige alte Revolutionäre mir davon sprachen, Frankreich protestantisch zu machen, war ich empört, als wie wenn man mir vorgeschlagen hätte, meinem Franzosenthum zu entsagen, um Engländer oder Deutscher zu werden." Wenn man die Darstellungsweise, welche Napoleon auf St. Helena in seinen Gesprächen und Dictaten verschiedenen geschichtlichen Ereignissen angedeihen ließ, bisweilen durch persönliche Motive gefärbt ansieht, so kann doch bei diesem seinen religiösen Bekenntniß davon nicht die Rede sein. Er spricht hier die klare Anschauung seines Geistes aus. Erwägt man dabei, daß er ein Sohn und Erbe der Revolution gewesen, so wird man sich dieser Ansichten nach allen Seiten hin erfreuen. Auch finden wir in seinem Leben nichts, was ihnen faktisch widerspräche. Napoleon sah also als das Wesentlichste der Religion den Gottesbegriff und die reine Moral. Von den 18*