Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1865)
- Date
- 1865-05-02
- Page
- Seite 268 (sequence 2)
- Language
- German
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268 wie jene. Nun, das Judenthum ist Religion, und die Juden haben einen religiösen Inhalt und eine religiöse Mission, die mit dem nationalen Momente durchaus nicht in Widerstreit liegt, die ihm aber dennoch besondere Jntereffen gibt, Jntereffen, die wie gesagt, mit ihrem Deutschthunt so wenig wie in Frankreich mit ihrem Franzosenthum, in Widerstreit liegen, und die vollberechtigt sind, nicht aufgegeben zu werden brauchen und nicht aufgegeben werden können. Wir wollen uns nicht darauf berufen, daß es ja auch, deutsche Katholiken, ja ^Deutsch-Katholiken, deutsche Lutheraner u. s. w. gibt, welche allesammt dem Deutschthum vollständig anzugehören behaupten, aber dennoch noch besondere Interessen haben und verfolgen, so daß wir z. B. im preußischen Abgeordnetenhause eine besondere katholische Fraktion finden, deren Mitglieder dem Freiherrn von Loön an deutschen und preußisch-deutschen Patriotismus durchaus nicht nachzustehen behaupten werden, doch aber auch noch besondere Anschauungen und Jnteresie haben muffen, um derentwillen sie diese besondere Fraktion bilden. Wir wollen uns nicht darauf berufen, daß alle diese Religionsgenoffenschaften auch noch außer den allgemein deutschen Zwecken ihre Korporationen, Vereine und Anstalten haben, so daß, wenn die Juden dergleichen besitzen und sie pflegen, ja gar nichts Besonderes darin liegt. Sondern wir wollen darauf Hinweisen, daß die Juden diesen ihren religiösen Inhalt und Beruf seit einer Zeit in sich tragen, die weit über das Deutschthum wie über alle diese Religionsparteien hinausreicht, und daß es nun doch eine sehr naive Forderung ist, die Juden sollen diesen ihren weltgeschichtlichen Inhalt und Beruf aufgeben und sich lediglich in die deutsche Nationalität zurückziehen. So geht man denn doch nicht mit dem Erbe seiner Väter und mit einem Leben von fast vier Jahrtausenden um. Und wenn man es wollte, könnte man es nicht. So geht man mit den höchsten Fragen und Bedürfniffen des Menschen nicht um, und gibt deren Befriedigung auf, um lediglich nationalen Tendenzen sich hinzugeben. Und wenn man es wollte, könnte man es nicht,. Begreift dies der Vers, nicht, so thut es uns leid: wir stimmen eben hierin nicht überein. Zweifelt er daran, daß die Juden noch einen besonder» religiösen Inhalt und Beruf haben, so könnten wir sagen: wir müssen das eben selbst am besten wissen, und unser eigenes Innere muß uns hierüber den rechten Aufschluß geben. Aber der Verf. möge sich nur in 'der religiösen Welt umsehen; er mag nur einen Blick aus die gegenwärtigen Kämpfe im und um das Christenthum werfen, auf die Schriften von Strauß, Renan, Schenkel, Schleiermacher u. f. w. bis zu Hengstenberg und der Encyklica, um doch. die Ahnung zu bekommen, daß in dem geklärten Judenthume ein Fond liegt, den jeder Jude, welcher ein religiöses Bedürfniß in sich trägt, nicht leichtfertig aufgeben wird, der für die gesammte Menschheit ein großes religiöses Jntereffe hat und auch durch kein philosophisches System, sei es ältesten oder neuesten Zuschnittes, ersetzt werden kann. Dieses Thema hier weiter auszuführen, ist nicht unsre Absicht.' Wir wollten nur den Verf. auf die Einseitigkeit seines Urtheils Hinweisen und allen unfern Lesern gegenüber zeigen, daß das Judenthum das Deutschthum, nicht ausschließt, und dieses jenes nicht ausschließen wollen darf. Wenn schon in vergangenen Zeiten die deutschen Juden, als sie noch ausgeschlossen und abgeschlossen, als sie noch völlig in das rabbinisch-talmudische Wesen versenkt waren, dennoch ein starkes und weiches deutsches Leben führten, um wie viel mehr jetzt, wo sie dem deutschen Culturleben sich eingelebt haben. Genug, daß ihre religiösen Jntereffen durchaus in keinem Widerstand mit - dem nationalen und staatlichen, sei es in Deutschland, England, Frankreich oder Italien, in Rußland oder Nordamerika stehen, besonders wenn diese ihnen nicht feindlich und gewaltthätig begegnen, und es nicht blos ein Recht, sondern auch eine volle, heilige Pflicht des Juden ist, diesen Interessen, weil unbeschadet den nationalen zu genügen. Zerstreute Bemerkungen. In der großen Bucharei, einem Theile der Tartarei in Mittelasien, wohnen außer den Bucharen, Indern, Persern u. s. w. auch sehr viele Juden. Es herrscht in dem Lande völlig freie Religionsübung. In der Hauptstadt Buchara bewohnen die Juden ein besonderes Viertel, und werden von den Einwohnern selbst für die ältesten Jnsaßen der Stadt gehalten. Sie sollen von den in Babel zurückgebliebenen Juden abstammen, was sehr einstchtlich ist. Der neueste Beschreiber dieses Landes, der Engländer Vambery lReise in Mittelasien, ins Deutsche übersetzt, Leipzig, Brockhaus 1865) entwirft eine großartige Vorstellung von dem Bazar Buchara's,