Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1865)
- Date
- 1865-04-25
- Page
- Seite 259 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Lemberg, den 20. März. (Privatmitth.) Die trübselige Stimmung dieses harten Winters mit seinen endlosen Schneeverwehungen und schweren Geschäftsstockung, die leider zumeist 'die große Masse der jüdischen Bevölkerung trifft, hat auch auf der Kanzel ein entsprechendes Echo gefunden. Der Monat März brachte uns zwei Trauerandachten, von denen die eine in einem jüdischen Gotteshause wohl zu den seltensten Ereignissen zahlt. Dieser feierliche Akt galt nämlich dem Andenken eines Nichtjuden, den Manen des vor Kurzem verstorbenen. Grafen Adam Zamohski, der Bere wigte war ein Cavalier von altem Schrot und Korn, ein Magnat im - besten Sinne dieses Wortes, hochherzig und liberal, gemächlich und von wahrer Toleranz beseelt. Der Bau unseres Tempels in der Mitte der Vierziger Jahre gewann so sehr seine volle Sympathie, daß er sich erbot, das ganze Holzwerk für das große und schöne Gebäude aus seinen Wäldern unentgeltlich zu liefernwas er auch redlich realisirte. Ein eigener Sitz im Gotteshause fürseine Person und nach seinem Ableben für seine Familie bethätigte die dank-' bare Anerkennung der Cultusgemeinde, nicht minder die - feierliche Traüerandacht. Eine überaus zahlreiche Versammlung lauschte tief ergriffen ' den vom Geiste edelster Humanität und Toleranz durchglühten Worten unseres redemächtigen Predigers- Herrn vr. Löwen- Nebst der Familie des Verewigten wohnten auch zahlreiche Gäste der höchsten Aristokratie der erhebenden Ceremonie bei, die mit wahrer Rührung den innigsten Daük dem Redner ausdrückten, und sich das Manüscript des trefflichen Vortrags behufs Veröffentlichung in der deutschen und polnischen Sprache erbaten. Die' zweite Gedächtnißfeier galt einem Magnaten des Geistes, einem echten Ritter für geistigen Fortschritt" und sociale Bildung, dem Andenken des trefflichen Mannheimer. Wäre eS' nicht in diesen Blättern, ich würde das Weitere ausführen, wie Mannheimer in Oesterreich und vr. Philippson hier und im auswärtigen Deutschland in den letzten 3 Dezennien den mächtigsten Einfluß auf die rasche Entwickelung moderner Bildung, der Form sowohl als dem Inhalte nach, in den weitesten jüdischen Kreisen ausgeübt haben. Kein Wunder daherdaß der Tod Mannheimers' in allen Kreisen des.österreichischen Judenthums, insbesondere auch bei uns, eine tiefeschmerzliche Sensation erregte. Die allgemeine Theilnahme sprach sich auch recht deutlich bei der seinem Andenken gewidme- 259 teü TräUerandücht <üt& MbLiner mit begeisterten Worten das Andenken' des edlenDodten, demer im Leben persönlich nahe gestanden.' Auch der „Verein für Bildung und Geselligkeit" bereitet eine angemessene Feier vor. ' : Und wahrlich 1 wir haben alle Ursache den- Verlust dieses Mannes zu beweinen, dessen zündenden 'Impulse unsere Gemeinde zum großen Theile ihre rasche Entwicklung verdankt. Diesem folgend , rief einkleines Häuflein,' unter zahllosen Kämpfen vor kaum 2 Dezennien unseren imposanten Tempelbaü ins Lebender mitten - in der krassesten Orthodoxie, ein PharüS der Bildung und des Fortschrittes emporstieg: Ein kleines Häuflein war eS, wie ich bemerkte, und' nur) in verhältnißmäßig kurzer Zeitkann der weite Raunt dem Andrange nicht mehr genügen. Man beabsichtigt demnachdie Herstellung einer neuen Frauengallerie) sowie die.thunlichste Vermehrung der Männersitze, zu welchem Zwecke wie nicht minder zur inneren'Ausschmückung des-Gotteshauses 240 Actien Ü 25 fl. ausgegeben wurden, die unverzinslich binnen 10 -Jahren zurückgezahlt werden sollen. Sämmtliche Actien würden binnen wenigen Tagen , von den Sitzinhabern vergriffen. Wahrlich, wenn es dessen noch bedürfte, der beste Beweis von der inneren Lebenskraft der modernen Richtung! r; Um vom religiösen aufs weltliche Gebiet zu gelangen, theile ich Ihnen nvch mit, daß hier unter dem Namen: kaufmännische Ressource mit 1. Mai ein Casino ins Leben tritt, bestimmt, der intelligenten Bevölkerung jüdischer wie christlicher Religion einen bis jetzt fehlenden Vereinigungspunkt zu gewähren:- An der Spitze desselben steht ein Directorium vön 11 Mitgliedern, 6 jüdischen und 5 christlichen. - Diese nähere Berührung von Persönlichkeiten der verschiedensten Lebens- und Glaubensanschauungen -dürfte nicht blos demgeschäftlichen Verkehre,' sondern auch der innigen Verschmelzung der Partheien mächtigen Vorschub leisten. Di\ J. R. Lemberg, 8. März. (Wdr.) „Wie Ihnen bekannthat der gewesene Bischof von Przemhsl, Wierzchlejski, gegenwärtig Erzbischof zu Lemberg, seiner Zeit der ihm . unterstehenden Geistlichkeit mittelst Hirtenbrief aufgetragen, darüber zu wachen, daß keine Christen bei Ju- < den Dienst nehmen sollen. Obwohl nun seit dem Er-; scheinen des gedachten Hirtenbriefes mehrere Jahre : verflossen sind und auch die Verhältnisse seitdem sich 17