Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1865)
- Date
- 1865-04-25
- Page
- Seite 255 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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255 Iahrzehend den Turban auf Köpfendie-ihn ftüher nicht getragen. In allen solchen Dingen muß Jeder an seine eigene Brust schlagen und wohl bedenken, daß im eigenen Hause auch nicht Alles richtig ist. Diemoderne Cultur hat 'seit Jahrhunderten vielfach eine Lockerung der positiven Religionen hervorgebracht, wie will man vom Judenthume allein verlangen, daß dies in ihm gar nicht der Fall sei? Weiß der Verf. gar nicht, wie viele Netze gerade über die Juden ausgespannt werden, um sie zum Abfall zu führen oder zu zwingen? An diesen einzelnen Ausstellungen sei es genug. Bemerken wollen wir nur noch, daß der Herr Vers, mit Recht die vielen Streitigkeiten und Gehäßigkeiten hervorhebt, welche in den einzelnen Gemeinden wie zwischen Literaten Vorkommen, und in diesenin Denunciationen, im Anrufen der weltlichen Macht von Seiten der Neuorthodoxen, so wie in den übertriebenen Forderungen der Radikalen „den gefährlichsten Feind des Judenthums" erblickt. Es versteht sich, daß ein wieder erwachtes Leben immer bedeutende Kämpfe mit sich führtdaß diese aber in den jüdischen Kreisen oft einen übertriebenen und verwerflichen Charakter angenommen, gestehen wir zu und erhoffen die Besserung. Aber gehen wir nun zu der Betrachtung der eigentlichen und tiefer liegenden Frage über. Wenn der Verf. die Juden auffordert, „ganz und gar, ehrlich und ohne Hintergedanken" deutsch zu werden: so könnten wir ihm mit banalen Phrasen antworten. Nämlich so: es verhält sich damit ebenso, wie wenn Jemand aufgefordert wird, Christ zu werden. Soll er römisch- oder griechisch-katholisch, lutherisch oder calvinistisch, anglikanisch oder presbyterianisch - oder dgl. m. werden, da doch alle diese einander gegenseitig für Ketzer, und ein Jeder von seinem Standpunkte aus mit Recht betrachtet? Und wenn Einer Deutscher werden soll, soll er kaiserlich österreichischer, königlich preußischer, kurfürstlich hessischer, großherzoglich badischer, fürstlich reußischer oder dgl. Deutscher werden oder sich zu jenen idealen Gesammtdeutschen gesellen, deren Zahl zwar jetzt größer als vor vierzig Jahren ist, aber in Gesammtheit der Volksmassen noch eine sehr geringe? Und doch wird man in jedem dieser deutschen Staaten-sehr leicht verketzert, wenn man einen andern Patriotismus bekundet, als den für das engere Vaterland. Nun, wir deutsche Juden sind nach Verhältniß ganz ebenso sächsisch-, bayrisch-, württembergisch oder'gesammt-deutsch gesinnt wie . die deutschen Christen. Aber wir wollen dem Verfasser doch gründlicher antworten, und ihm zuerst beweisen, daß wir deutsche Juden ganz und gar Deutsche sind, und dies als ein historisches Faktum. Dazu müssen wir freilich etwas weiter ausholen. Der jüdische Stamm war von seinem Beginne an ein Culturvolk. Was heißt dies? Ein Culturvolk ist dasjenige, welches seinen nationalen und staatlichen Bestand auf Recht und Gesetz begründet und zugleich der Entwickelung fähig ist und obliegt. Beides muß sich, in einem Volke vereinigen, um es zu einem Culturvolke zu machen. Die Geschichte zeigt uns Völker, welche ihre Gesellschaft auf Recht und Gesetz aufbauten, aber der Entwickelung unfähig waren, wie die Egypter, Inder und sie können nicht als Culturvölker angesehen werden. Beides vereinigte sich aber im jüdischen Stamme. Niemals hat eine Nation seine Existenz fester an Recht und Gesetz geknüpft. Seine Entwicklungsfähigkeit bewährte er, da er an das fixirte Gesetz die stets lebendige Tradition schloß, die verschiedenartigsten, politischen Verfassungen annahm, und eine reiche Geistesentfaltung vom Pentateuche an bis auf den heutigen Tag in Schriftwerken aller Art bethätigte. Wo er nach der Zerstreuung auf ein Culturvolk stieß, versenkte er sich in dessen Geist, und schuf eine sich ihm anschließende Literatur, wie die umfassende hellenistische. Wo er mitten in Völker versetzt ward, die zu dieser Kategorie nicht gehören, entwickelte er sich in seiner eigensten Art, wie der große talmudische Aufbau in Babylonien erweist.— Nach Europa verpflanzt, und zwar schon lange Zeit vor Beginn der christlichen Aera, schuf er sich zwei große Heerde, um die er sich sammelte, und von denen er sich ausbreitete, der eine der arabisch-spanische, der andere der deutsche. Wer diese beiden Zweige des jüdischen Stammes mit Sachkenntniß vergleicht, der erkennt nicht allein ihre Verschiedenheit, wie sie sich im Gebetkultus, in der Aussprache des Hebräischen.und in der.Studienmethode ausprägt, sondern wie beide sich in Geist, Wesen und Charakter, in Leben, Sitte und Haltung, an die beiden großen Völkerstämme völlig anschließen, in und mit denen sie lebten. Vom spanischen Heerde gingen sie nach Südfrankreich, Holland, England und Nordamerika und vereinigt mit den Italienern nach der Türkei, Nordafrika und Asien zurück. Als sie ihren Mittelpunkt in Spanien : verloren, trieben sie noch; eine Zeit lang in den. gedachten Ländern ihr vaterländisches Leben fort, wie die vielen Druckschriften in Constantinopel und Amsterdam erweisen, aber nach und nach starb es ab. Desto ener-