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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-04-25 · Heft 17 (25.4.1865) · p. Seite 254

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 17 (25.4.1865)
Date
1865-04-25
Page
Seite 254 (sequence 4)
Language
German
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SS4 wie auf das Interesse als Menschen und Deutscheu verzichtet? Ist hiermit die Beurtheilung nach ästhetischen Grundsätzen irgendwie aufgegeben? Wenn eine Leda von einem Künstler meisterhaft bearbeitet worden ist, so bewundern wir sie nach ihrem Verdienste, welchen Glau- Leus auch der Künstler sei, und fragen nichtim Geringsten darnach, ob er Jude oder Christ sei. Stellt aber ein Jude einen Moses dar, so hat der Künstler als Jude noch ein besonderes Interesse für uns. Dies ist es, was. wir ausgesagt haben und heute wiederholen, und was wir uns von dem Verf. nicht eskamotiren lasten. Noch schroffer wird der Vers., wenn er glaubt „gegen das Parteinehmen opponiren zu müssen, mit welchem die Juden gegen Geistesschöpfungen, die nicht von ihren Glaubensgenossen herrühren, oder nicht in derem Geiste verfaßt sind, austreten." Der Vers, hätte eine solche Anschuldigung doch durch irgend etwas Faktisches erweisen müssen. Im Schoße der Juden ist von jeher die Klage sehr bitter geführt worden, daß die Juden vorzugsweise das bewundern und befördern, was von Nichtjuden herrühre, und ihr Urtheil viel eher zu Gunsten der Letzteren gefangen geben, als umgekehrt. Diese Klage ist so alt, daß sie schon von Charisi in seinem Thachkemoni (im Anfang des dreizehnten Jahrhunderts) geführt worden und bis auf die neueste Zeit immer wiederholt. Daß wir Werke bekämpfen, welche uns feindlich sind, oder daß wir Überzeugungen, Meinungen, Ansichten bestreiten, mit denen wir nicht übereinstimmen, das wird uns der Herr Freiherr doch wohl gestatten müssen. Denn geschieht dies nicht von Allen und auf allen Gebieten? Er pocht sehr darauf, daß die Juden die Presse nicht mehr beherrschen. Dies ist aber nur eine hohle Phrase. Er konnte höchstens sagen, daß der Popanz, als ob die Juden die Presse beherrschen, jetzt verschwunden sei. Man hatte es sich in Deutschland theils eingebildet, theils von gewisser Seite her einreden lassen, daß die Presse meistentheils' unter der Leitung von Juden stünde. Man wiederholte dies so oft, bis man doch endlich die Sache factisch zu untersuchen begann, und da fand es sich dann, daß nur eine verschwindend kleine Zahl von Zeitschriften in den Händen von Juden sei. Die Anschuldigung verschwand daher, und blieb nur noch das Eigenthum der Reaktionäre und Ultramontanen. Prahlet daher nicht so sehr, daß ,;diese Periode überwunden sei"—• es galt nur, eine vorgefaßte Meinung, ein Vorurtheil ablegen. Wenn eine Zeit lang Börne und Heine eine prävalirende Stellung einnahmen, so verdanken sie es ihren Talenten/ und was deren Tendenzen betrifft, so haben sie sicher ihre Zeit nicht gemacht, sondern sie waren Kinder ihrer Zeit. Zwei. Lieblingsgedanken hat der Verf., denn er wiederholte sie. Der eine: Die Juden „zersetzen den Ernst des Lebens", und diejenigen Juden, welche sich Verdienste erworben, sind dem Judenthume feindlich gesinnt. Was den erster» betrifft, so ist er sicherlich falsch. Wie könnte wohl ein Stamm, der fast vier Jahrtausende besteht, der die Positivität der Religion zur Welt gebracht und eine Festigkeit ohne Gleichen im Autoritätsglauben gezeigt hat, befähigt und bestimmt sein, „den Ernst des Lebens zu zersetzen." Das die moderne Zeit in vielen Juden die Richtung, gegen eine Menge Borurtheile, die ihnen von außen und von innen entgegentraten, zu kämpfen Hervorbringen mußte, und, da sie sich schwach dagegen fühlten, den auflöfenden Witz wecken und wetzen mußte, ist sehr natürlich. Est ist dies immer die Folge der Knechtung, und die Satyre stets die Frucht der Tyrannei; dies erwiesen schon Juvenal und Lucian, und selbstHoraz. Aber es ist dies stets nur vorübergehend, treibt mit der Zeit an die Oberstäche, und verschwindet mit der Zeit von dieser. Ein Saphir, Oettinger, einige.Mitarbeiter des Kladderadatsch werden doch wohl dem Verf. nicht die Repräsentanten der ganzen Judenheit sein. Es thut uns wirklich leid, daß der Verf. aus der Kenntniß, die er von der neuen jüdischen Literatur genommen haben will, nicht einmal die Beobachtung profitirt hat, mit welchem Ernste, mit welcher Gewissenhaftigkeit von wissenschaftlichem, religiösem und sittlichem Standpunkte aus hier gearbeitet wird.— Aehnlich verhält es. sich mit seinem andern Liebliygsgedanken. Die Beispiele, die er anführt, gehören einer Zeit des krassesten Jndifferentismus und des Uebergangs an. Bei Börne und Heine spielten verwerfliche Privatiütereffen, und man braucht nur in den Briefen Heine's .dessen Aeußerungen über seine Taufe zu lesen, um seine wirkliche Meinung zu erfahren. Wir können dem Verf. eine viel größere Reihe bedeutender Männer nennen, die, trotz großer Verlockungen und schwerer Bedrängnisse in ihrer Religion nicht wankend'geworden, und schön neben Meyerbeer, der doch immer Jude geblieben, steht sein Bruder Michael Beer, der selbst ein Stipendium für jüdische Künstler stiftete. Uebrigens sind Uebertritte aus der protestantischen Kirche, und von bedeutenden Männern, in Wien und Rom, aus derselben Zeit auch nichts seltenes, und Winkelmann und Fr. Schlegel nicht die einzigen, und selbst Konstantinopel sah vor einem

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