Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1865)
- Date
- 1865-04-18
- Page
- Seite 237 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226473-3226490--22966-3250248- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
soll, daß die Welt ihnen nicht mehr dienen will; sei es, daß sie sich nur so stellen, um, wie es die Feudalen in Preußen versucht haben, im Volke Haß und Ingrimm gegen die Juden zu wecken: wir begegnen immerfort Auslassungen und Thatsachen, welche die äußerste Erbitterung gegen uns kundthun. So berichtete in diesen Tagen eines ihrer Blätter, das Wiener „Vaterland" aus Rom: „Das Beatifications-Decret, welches die Canonisation des Canonicus Peter von Arbues, Großinquisitors von Arragonien, ausspricht, constatirt, daß der Selige in der Kathedrale von Saragossa, an der er angestellt war, von Mördern überfallen und durch den Hals gestochen worden sei, wobei er sterbend für seine Mörder betete. Die Anstifter der Unthat waren Juden (?)> biß/; wie es im Decrete heißt, „unfern Herrn Jesum und die Propheten getödtet, die Apostel verfolgt und die Christgläubigen immer und überall angefeindet haben." Der Beatifications-Proceß wurde schon im Jahre 1652 ausgenommen, jedoch erst in neuester Zeit vollendet, weil „die unendliche Weisheit es so fügte, daß in diesen traurigen Tagen, in welchen die Juden durch Schriften und durch Geld den Feinden der Kirche die Mittel zum nachdrücklicheren Kampfe bieten, eine solche Angelegenheit zu Ende geführt werde." Charakterisch ist es, daß andere Blätter diese Worte dem „Vaterland" ruhig und ohne irgend eine Bemerkung Nachdrucken, höchstens das Fragezeichen einrückend, welches in den obigen Worten bemerklich ist. Wir wollen uns auf die angeführten Phrasen selbst nicht einlaffen: sie sprechen zu klar für sich selbst. Die göttliche Vorsehung soll es sein, welche die Beatification jenes Gruß-Inquisitors „in unfern Tagen zu Ende führt, und die Juden sollen es sein, welche „durch Schriften und Geld" die Kirche. bekämpfen. Sehen wir nur auf die Thatsache. Ferdinand von Spanien wollte die Inquisition in seinen Erbländern gründen und befestigen, was er nur durch Beseitigung der verbrieften Rechte des" Volkes vermochte, schon weil er an keinem Aragonesen die Consiscation seiner Güter vorgenommen werden durfte, es aber dabei gerade auf diese dem Könige am meisten ankam. Die Archive zu Semancas haben dies jüngst ja in unzweideutigster-Weise erwiesen. Der Generalinquisitor Torquemada setzte daher für das Erzbisthum Saragosia zwei Jnquisitionsrichter ein, die seinen blutigen Fanatismus vollständig theilten; der eine, von ihnen war der Canonicus Pedro Arbues de Epila. Wir wollen hier auf das Verfahren, und die ungeheure Zahl der Schlachtopfer nicht näher eingehen. Aber sowohl der Adel wie die Städte von Aragonien und Valencia wollten sich das Institut der Inquisition nicht gefallen lassen. Es brachen (1485) fürchterliche Volksaufstände aus, die nur durch großes Blutvergießen gestillt werden konnten. Die höchsten Würdenträger schickten Deputationen an den Papst und den König, um die Wiederaufhebung der Inquisition zu bewirken. Aber sie scheiterten an dem Eigensinn des Königs, und da unterdeß die Opfer der Inquisition sich mehrten, verschworen sich viele Edelleute und Neuchristen zur Ermordung des Arbues und setzten diese am 15. September 1485 in's Werk. An der Spitze stand der Edelmann Blasco du Alagon. Die Mörder halten nicht den erhofften Erfolg, denn statt Schrecken zu verbreiten, wie sie es erwartet, verschafften sie den Dominikanern den Glorienschein eines Märtyrers ihres Ordens. Die Mörder ereilte die Strafe. Dies ist die Thatsache*) Wie übrigens das „Beten für die Mörder" zu verstehen, ersieht man aus der furchtbaren Verfolgung, welche aus dem Blute des Großinquisitors gegen Alle, die mit den Verschworenen in irgend einer Verbindung standen, worunter hohe Würdenträger, Frauen und selbst Priester sich befanden, entstand und über eine große Zahl von Menschen die fürchterlichsten Peinigungen und Todesstrafen verhängte. Es geht hervor, aus den „himmlischen Offenbarungen", welche dem Getödteten zugeschricben wurden und in denen er nach seinem Tode die Mitglieder des Tribunals ermahnte: „Je mehr Menschen sie dem Flammentode übergeben würden, desto höhere Ehrenplätze wären ihnen im Himmel bestimmt." Wo die historischen Thatsachen so sprechen, was brauchen wohl da die Juden hinzuzufügen?— Wir haben in Nr. 10 eines Artikels des „westfälischen Hausfreundes" gedacht, dessen judenfeindlicher Inhalt zu einer strafrechtlichen Verfolgung veranlassen konnte. Herr Alsbach, Lehrer zu Connen, hatte ihr in einem anderen Provinzialblatte geantwortet, und der genannte Hausfreund nahm daran Gelegenheit in Nr. 6 noch einmal sich auszulassen. Diesmal klingt die Sache schon ganz anders. Es ist nicht mehr vom Käficht, von blos geduldeten Juden, der, wenn es ihm nicht gefällt, auswandern könnte u. dgl. die Rede. Er drückt vielmehr dem Juden ganz gemächlich die Hand. Er findet *) S. Llorcnte, liistoire critique de rinquisition d’espagne I. p. 204 ff. Graetz Bd. VIII. S. 319 ff. 16*