Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1865)
- Date
- 1865-04-18
- Page
- Seite 236 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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msacht, die, wenn auch immer schwächer und schwächer werdend, bis an die Küste Amerika's reichen: so ist dieL' bei dem Zeitungswesen unsrer Zdit viel entschiedener und kräftiger der Fall, da es^vie Nachrichten ganz ungeschwächt bis an die äußersten Grenzen des Leserkreises unter den Menschen tragen. Nun liegt es leider dabei so, daß, wenn die Berichtigung einer Unwahrheit nicht gerade im Parteiinteresse liegt, die Zeitungen sich durchaus nicht ebenso beeifert zeigen, die Berichtigung zu verbreiten. Denn in der Regel liegt in der Unwahrheit etwas Pikantes, was durch die Berichtigung aufgehoben wird. Den Zeitblättern ist es aber viel mehr um Pikantes, als um Wahrheir zu thun. ' So hat es vor Kurzem den Missivnsblättern gefallen, die unwahre Behauptung in die Welt zu bringen, daß die Juden in den Ländern, wo sie gleichgestellt sind, sich vermindert hätten, und die Zeitungen haben dies mit Wohlgefallen verbreitet. Das Motive läßt sich erkennen. Man will mit allen Mitteln und auf jede Weise die Glrubenssestigkeit der Juden erschüttern, um sie desto leichter znm Abfall zu bringen. Nichts lockert mehr auf, als das Beispiel, und so glaubt man, indem man den Juden in den Ländern der Emancipation weißmacht, daß das Beispiel der Abtrünnigkeit ein zahlreiches sei, sie um so leichter dazu zu verleiten. Nichts ist unwahrer, da sich gerade in den Ländern, wo den Juden ihr Recht geworden, die Zahl derselben ungemein vermehrt hat, wie dies schon daraus vorauszusetzen ist, daß viele Juden nach diesen Ländern hinwandern werden, während Niemand von ihnen Lust hat, sich in den Ländern des Druckes niederzulaffen. Jene unwahre Behauptung muß den Wahrheilsfreund um so mehr entrüsten, mit je größerer Naivetät die Missionsblätter Zahlenangaben hinzusetzen, die das gerade Gegentheil beweisen. Sie geben*;. B. an, daß in Preußen jetzt 284,000 Juden wohnen, und es ist bekannt, daß die Volkszählung 1816 nur 13O,OOO betrug. Sie hätten sich also im letzten halben Jahrhundert mehr als verdoppelt. Auf Frankreich rechnen sie 110,000, was übrigens eine zu geringe Angabe ist, und doch zählte man dort vor 20 Jahren kaum 90,000. In England berechnete man sie bis vor zehn Jahren auf 26,000 und die Missionsblätter geben jetzt 42,000 an. In Schweden existirten nur einige hundert, und jetzt 2300. In Belgien wohnten vor einem Jahrzehend nur 1000, gegenwärtig 1320. Gesetzt aber, es hätte in Europa diese bedeutende Vermehrung nicht stattgefunden, sondern ihre Zahl wäre stehen geblieben, so würde schon ihr außerordentlicher Anwachs in Nordamerika und Australien .genügen, umDdie Behauptung ihrer WeAninderuM Lügen zu strafen. In der Union, wo vorE 50 Jahren die Zahl der Juden 3O,OOO nicht überMg, -wohüt jetzt vielleicht eine halbe Million, denn da die amerikanischen Blätter jüngst angaben, daß in dem ganzen gegenwärtigen Bürgerkriege an 60,000 Juden im Heere gedient 'haben und dies durch die Zahl derselben'in den einzelnen Armeen erwiesen, so kann die jüdische Bevölkerung Nordamerika's nicht unter einer halben Million angeschlagen werden. Ein Blick auf ihre großen Gemeinden -in allen amerikanischen Städten von New-Iork bis St. Franciska bestätigt dies auch vollständig. Ja, gerade der außerordentliche Anwachs der Gemeinden in allen Haupt- und großen Städten der civilisirten Welt, in Berlin, Wien, Paris, London, in Hamburg, Breslau, Prag, Frankfurt am Main, Pest, Manchester, Liverpool Kopenhagen, Stockholm u. s. w. könnte die Missionäre eines Bessern belehren. — Es ist leider nicht zu verkennen, daß in den höchsten Kreisen des Ultramontanismus gegenwärtig eine Erbitterung gegen die Juden herrscht, die alles Maß überschreitet. Woher diese stamme, ist nicht ganz klar, und mögen wohl mehrfache verschiedene Ursachen dabei Zusammenwirken. Daß die Juden die wiederholten Mordanfälle nicht geduldig und stillschweigend hingenommen, mag wohl den ersten Anstoß gegeben haben. Sicher ist es jedoch, daß die Stimme der Juden viel zu schwach gewesen wäre, den allgemeinen Widerstand der civilisirten Welt bei diesen Vorgängen hervorzurufen, wenn diese jenen nicht ganz von selbst nothwendig zur Folge gehabt hätten. Nicht die Sache der Juden, sondern die der allgemeinen Menschheit wollte man vertheidigen. Darauf aber rücksichtigen die Ultrrmontanen . nicht, sondern man wirft dafür den Haß auf die Juden. Ein Gleiches fand mit dem nachdrücklichen Widerspruch statt, den die Encyklica mit Syllabus gefunden. Es mag wohl auch hier und da eine jüdische Stimme sich dabei haben vernehmen lassen, denn es standen ja auch die Grundsätze in Gefahr, auf deren Geltung unsre Existenz beruht. Aber es wäre doch eine an's Lächerliche streifende Meinung, daß die Juden es seien, welche den Widerstand auch hiergegen hervorgerufen und vermittelt hätten. Mag es nun sein, daß die Ultramontanen sich dies wirklich einwenden, um so statt der Ideen und Erscheinungen der ganzen civilisirten Welt einen greifbaren Prügelknaben zu haben, der die Schuld davon tragen