Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1865)
- Date
- 1865-04-11
- Page
- Seite 227 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226473-3226489--22955-3250236- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
227 weiter sagt, trotz ihrer Bitten und ihres Drängens nichts erlangen, und sei gezwungen gewesen, bald einzusehen, daß die französische Fahne, welche nach Rom gegangen sei, um den Papst zu beschützen, sich nur dort befinde, um Mißbräuche unter ihren Schirm zu nehmen. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Leipzig, im März. (Privatmitth.) Ich habe mich heute nach langem Zögern entschlossen, an dieser Stelle einen wunden Fleck unserer hiesigen Gemeiudezustände zu berühren, weil ich dadurch etwas zur Heilung beizutragen hoffe. Es dürfte vielleicht vielen Ihrer Leser bekannt sein, daß sich in Leipzig, wo ein reger commercieller Verkehr verbunden mit einer hohen Stufe geistiger Entwickelung besonders dazu geeignet ist, vieler Interessen zu genügen, seit einer ziemlichen Reihe von Jahren sich eine Anzahl Israeliten angesiedelt haben, die zum größten Theil aus Kaufleuten besteht. Wie natürlich stammen die älteren der hier eingewanderten Familien aus Deutschland selbst, die schon früher, ehe es noch hier den Juden zu wohnen gestattet war, zur Messe in Person und außer derselben durch christliche Agenten ihre Geschäfte besorgten. Der Erlaß über die Aufhebung jenes Verbotes brachte diese Familien bald nach Leipzig. Ganz anders war es mit denjenigen, welche aus Polen , besonders aus Galizien hier einwanderten. Die bedeutende Entfernung, die verschiedene Art der Bildung, die mannichfach verschiedenen religiösen Ansichten, und endlich die treue Anhänglichkeit der einzelnen Familienmitglieder unter einander stellten fast unüberfteigliche Hindernisse der Uebersiedelung entgegen, die nur wenige und auch nur allmälig zu übersteigen vermochten. Stellen wir uns den Zustand derjenigen Juden polnischer Nationalität vor, die sich durch die Verhältnisse gezwungen sahen, eine neue Heimath in Leipzig zu suchen. In einem fremden Lande, dessen Sprache, Sitten und Gebräuche ihnen nur ungenügend bekannt waren, wo sie mit mannichfachen Vourtheilen zu kämpfen hatten, sahen sie sich allein gestellt. Sie, deren ganzes Sein in der Familie und im freundschaftlichen Verkehr mit ihren Mitbürgern bestand; allein in einer volkreichen thätigen Stadt! Manche religiöse Gebräuche, denen sie sich nicht zu entziehen vermochten, hielten sie von der Gemeinschaft und vom engern Anschluß an ihre christlichen Mitbürger fern, wiewohl sie von diesen auf das Herzlichste ausgenommen wurden. Sie selbst waren noch nicht in genügender Anzahl vorhanden, um sich gegenseitig das so schmerzlich vermißte gesellschaftliche Zusammenleben zu ersetzen. In dieser Noch wendeten sie sich an ihre Glaubensgenossen von denen sie eine Abhilfe ihrer mißlichen Lage hofften. Das gemeinsame.religiöse Band, das sie umschlang, durfte ihnen die Hoffnung geben, daß ihre deutschen Brüder sich ihrer annehmen werden und in der eigenen Heimath den fremden Brüdern eine Stütze sein werden. Sie hofften auf ein warmes Herz auf offene Arme, die sich zu ihrem Empfange ausbreiten werden, wie sie es in ihrer Heimath gewohnt waren. Aber sie sahen sich nicht allein in dieser ihrer Hoffnung getäuscht, selbst die gewöhnliche Höflichkeit wurde gegen sie verletzt! Sie wurden von jeder Thüre, wo sie. anpochten, um Freundschaft zu suchen , zurückgewiesey, und so fanden sie, wo sie eine natürliche Stütze erwarteten, nur Gegner und wo sie Liebe zu finden hofften, nur Abneigung. Die polnischen Juden sahen sich wieder in jene Zeiten der Unduldsamkeit versetzt, deren Bitterkeit sie in ihrer Heimath wohl gekostet hatten. Es mußte ihnen aber doppelt schmerzlich sein, daß sie die Verfolgungen, die sie früher von übermüthigen Edelleuten, von bekehrungssüchtigen Pfaffen, von einem ungebildeten Volke erdulden mußten, von ihren feingebildeten germanisirten Glaubensgenossen, wenn auch in anderer Form, gegen sich erheben sahen. Sie waren gewohnt, sich in solchen Fällen scheu zurückzuziehen und auf die eigene Kraft vertrauend, bessere Zeiten abzuwarten. Hier aber brachte die Zeit ihrer Zurückgezogenheit, wenn ich sie so nennen darf, ganz andere Früchte als in Polen. Denn bei dem Sinn für Bildung und Wissen, der den Bessern der polnischen Juden eigen ist, war es natürlich, daß sie in Leipzig sich gar .bald durch ihr eifriges Streben bemerkbar machten und von den gelehrten Männern sehr gefördert wurden. So war es ihnen möglich, nach längerer Zeit, nachdem sie sich durch neuen Zuwachs von Außen gestärkt hatten und sich mehr an ihre neue Heimath gewöhnt, wieder am öffentlich und Gemeindeleben Theil zu nehmen. Ein Beweis, daß sie jwährend der Zeit chrer Zurückgezogenheit .sich gar keiner Förderung von