Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1865)
- Date
- 1865-04-11
- Page
- Seite 226 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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' giösen Vorschriften nicht ungehorsam sein wollte. Am Sabbathstage stand im Ghetto ein Militärpiquet, das zu verschiedenen Zeiten Haussuchungen veranstalten und die Christen entdecken sollte, die etwa den Dienst des Feueranzündens irgend einem armen Juden erwiesen, welcher dann sofort mit einer starken Geldstrafe und mit einer beliebigen Einkerkerung auf unbestimmte Zeit belegt worden wäre. So erhebt man Mauer mach Mauer, um den Menschen vom Menschen zu trennen, noch mehr, um die Glieder einer Familie zu trennen; denn wenn ein Glied einer jüdischen Familie seinen Glauben verläßt — und, trotz der Reizmittel der herrschenden Religion, trotz aller Erniedrigungen, mit denen man die Seele des Juden tränkt, giebt es wenige römische Israeliten, die absallen — so zwingt die Inquisition den unglücklichen Vater, sein Vermögen liquid zu machen, um dem unnatürlichen Sohne das Erbtheil zu geben, welches er erhalten würde, wenn der Vater sofort stürbe. Es ist nicht genug des Schmerzes, den ein armer Vater fühlen muß, wenn er sein eigenes Kind in das Lager der Unterdrücker übergehen steht; zu diesem Schmerze kommt noch die Schande, sich wie ein Uebelthäter behandelt zu sehen. So überhäuft mit allen Lasten, welche auf diese armen, fast aller Reichen entbehrende Gemeinde drücken, fordert dieselbe den entsprechenden Antheil an dem allgemeinen Budget der öffentlichen Wohlthätigkeit, welches aus den Steuern gebildet wird, zu welchen auch die Juden reichlich beitragen müffen; aber fie erhält, und auch das erst seit wenigen Jahren, nur einen unmerklichen Theil davon, der weit entfernt ist, für den Unterhalt einer Bevölkerung zu genügen, deren Elend ebenso durch die Freiheit, wie durch die Knechtschaft fich steigert; denn fast 35 Familien, und zwar unter den wohlhabendsten, haben trotz der Maßregeln, welche diese Ausführung erschweren, Mittel gefunden, das päpstliche Gebiet zu verlassen, um auf dem Boden des wiedererstandenen Vaterlands d ie Freiheit und den Genuß der Güter zu finden, die Gott jedem Menschen auf Erden bewilligt. — Die Steuern sind nicht persönlich, sondern lasten auf der Gemeinde, welche dieselben entrichten und eine Menge Dürftiger unterhalten muß, die natürlich wünschen, ihr Schicksal von den etwas wohlhabenden Familien getheilt zu sehen, um nicht gänzlich verlaffen zu sein. Indem man das Arsenal dieser Maßregeln durchmustert, wo die Lächerlichkeit fich zu der Ungerechtigkeit gesellt, frägt man sich, wie diese armen Leute leben können. Man begreift leicht den Zustand der Verächtlichkeit, indem sie vegetiren, man bewundert die Reinheit ihrer Sitten/ ihre Anhänglichkeit an einen Glauben, der ihnen auf Erden so wenig Glück gestattet, und man kann sich fragen: Wenn.unsere Herren Bischöfe in Frankreich als Juden in Rom geboren wären, wie hätten sie leben können? Das ist das System, welches man gern als „Freiheit der Religion" preist! Lucus a non lucendo! Ach, mein Sohn, ich fühle, ich werde bitter; aber könnte man anders, wenn man sich erinnert, diesen Staat gesehen zu haben? Laß mich diesen so traurigen Brief mit einigen Worten schließen, die desjenigen, welcher sie gesprochen, wie der Situation, die sie hervorrief, würdig sind. Eines Sonnabends im Januar 1839 drückte mir James von Rothschild nach der Audienz, welche ihm Papst Gregor XVI. bewilligt hatte, den Wunsch aus, den Ghetto zu besuchen, aber ohne erkannt zu werden; ich führte ihn dorthin und trotz der Sabbathruhe wurde jener ausgezeichnete Mann auf's tiefste betrübt. Er wurde an mir erkannt, der fast täglich diesen traurigen Ort besuchte, und indem wir ihn verließen, wiederholte er mir mehrmals die Worte: „Heute Morgen hat mich der Papst fast wie einen Herrscher behandelt, an diesem selben Abend muß ich sehen, wie man mit meinen Brüdern umgeht!" Dieses Gemälde vom Zustande unsrer Glaubensgenossen in Rom, welchen die französischen Prälaten für einen Beweis der Toleranz auszugeben wagen, ist in allen Erichen der strengsten Wahrheit gemäß, ja könnte noch durch viele Züge im Einzelnen verstärkt werden. So z. B. existirt in Rom eine Vorschrift, welche jedem christlichen Arzte befiehlt, wenn er zu einem jüdischen Kranken gerufen worden, vor Allem Bekehrungsversuche an ihm vorzunehmen und falls diese nichts ausrichteten, den Patienten zu verlassen. Doch sind es ja die Juden nicht allein, welche unter dem veralteten Regime leiden. Dies erkennt die französische Regierung, die doch wohl genau unterrichtet ist, selbst an. In der bekannten Depesche des französischen Ministers des Auswärtigen, -war es genugsam ausgesprochen und wir führen hierzur Ergänzung die Worte des Regierungs-Commissars, Vicepräsendenten des Staatsrathes Chaix d'Estange in der Senatssitzung vom 17. März an. Der Zweck der Expedition nach Rom sei nicht allein der gewesen, dem Papste die ihm gebührende Unabhängigkeit wieder zurückzugeben, sondern man habe es auch durchsetzen wollen, daß die römische Bevölkerung zeitgemäße Institutionen erhielte. Die Regierung konnte aber, wie Chaix d'Estange