Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1865)
- Date
- 1865-04-11
- Page
- Seite 224 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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224 tung, könnte man 'der päpstlichen Regierung erwiedern, ist eben so tadelnd für die Erziehung, die ihr dem seit so vielen Jahrhunderten euch anvertrauten Volke ertheilt, wie beleidigend für das Land, dessen einziges und absolutes Oberhaupt ihr seid. Sie ist auch eine grundlose Beleidigung; nirgends ist die allgemeine Bevölkerung wohlwollender und toleranter, als in Italien. Trotz der: schlechten Regierungen, die seit, so vielen Jahrhunderten auf diesem herrlichen Lande gelastet haben, ist der Volksgeist so wenig entstellt worden, daß, sowie er seinen natürlichen Eingebungen zurückgegeben worden, er seine israelitischen Mitbürger auf das vollständigste emancipirt hat, indem er ihnen sowohl die ehrenvollsten Würden anvertraute, als auch die höchsten Aemter übertrug y e8 hat keines Ueberganges, wie in andern Ländern, bedurft. Die reiche Natnr der Italiener hat mit einem Schlage die Höhe der allgemeinen Gleichberechtigung erreicht und hat in diesem Punkte, wie in vielen andern die üblen Prophezeihungen ihrer Berkleinerer zu Schanden gemacht. Die Anthipathie der Bevölkerung gegen die Juden ist so wenig wahr, daß der Papst Gregor XII., ein Italiener wie das Volk, das er regierte, in dieser Beziehung selbst Befehle gab, die nicht beachtet wurden. Die Thatsache ist zu merkwürdig, um nicht in allen ihren Einzelheiten berichtet zu werden. Zur Zeit der Revolution von 1831 hatte die christliche Bevölkerung von Ferrara die Thore des Ghetto ausgehoben, um M auf dem jüdischen Begräbnißplatze aufzustellen. Als im Monat Mai 1833 der Erzbischof Vilonardi in die Stadt zurückkehrte, hatte er nichts Eiligeres zu thun, als den Befehl zu geben, daß man dieses lächerliche materielle Zeichen der Trennung der Israeliten von ihren Mitbürgern wieder an den alten Platz setze. Diese letzter» sandten eine Deputation an den ihnen gewöhnlich sehr zugethanen Papst, der sofort durch den Kardinal Spinola, den Staatssekretär und außerordentlichen Kommiffär für die Legazionen zu Bologna,. den Befehl ausfertigen ließ, die Wiederherstellung der Thore zu unterlassen. Aber der Erzbischof Vilonardi kümmerte sich wenig um diesen Befehl und antwortete einfach, er für seinen Theil erkenne nur die heilige Konsulta und die Befehle, die er von ihr empfange, an. Am selben Tage ließ er die Thore auf dem jüdischen Fried Hofe suchen, stellte sie in ihrem alten Glanze wieder her und übertrug den Juden, auf ihre Kosten den Kerkermeister, d. h. den Thorwächter, zu besolden. Dieser Akt der Willkür ist allein schon ein deutlicher Beweis small die . Quälereien, welche diese unglückliche Bevölkerung in den Provinzen des Kirchenstaates zu dulden hatte, und denen sie noch in Rom ausgefetzt ist. ) In der letzten Zeit hat,, mau erlaubt, einige wenige Magazine außerhalb des Ghetto's in den benachbarten -^Straßen zu eröffnen; aber wohnen darf Niemand außerhalb dieses Ortes, der fast 4300 Menschen auf einem sehr engen Terrain umschließt, während die Stadt Rom so mreit ist und so viele leere und unbebaute Plätze enthält. Aber der Jude muß im Elende und im Schmutze stecken, um ein Gegenstand der Verachtung für Alle zu werden und sich für ein solches Schicksal bestimmt zu glauben. Indessen, Gott sei Dank! trotz des päpstlichen Segens urbi et orbi, ist Rom nicht mehr die Welt, und die .modernen Völker, gerecht und menschlich zugleich entlehnen ihre Gesetze nicht mehr dem Systeme, welches in der Hauptstadt der katholischen Welt herrscht. Die Juden sind dort nur auf jährliche Frist geduldet. Bis in die letzten Zeiten mußten sie sich am Karneval-Sonntage auf ^dem Kapitol in der Wohnung des Senators einfinden, um in den gehorsamsten und erniedrigendsten Ausdrücken die Erlaübniß nachzufuchen, moch ein Jahr im Ghetto eingeschloffen zu bleiben; was ihnen aufsehr ungraziöse Weise durch eine Geste bewilligt wurde, die sie in ihren eigenen Augen verächtlich machen^mußte. Der Papst Paul III., heiligen Angedenkens, hatte selbst die Güte, Juden zu mästen, welche, wie später die Pferde Barberini, zur Ergötzung des Volkes und des päpstlichen Hofes den Corso hinablaufen mußten. Um die Erlaübniß zum Aufenthalte zu erhalten, müssen die Juden 1400 Piasters — 2000 Thaler — zum Unterhalte des Hauses der Bekehrten (6ssa 4 ei Catechumeni) bezahlen. Der Ursprung dieser Steuer ist eigenthümlich. Der Papst Urban VIII., der einen getauften Juden aus Mantua, mit Namen Massarano, für ein Buch, das er gegen seinen ehemaligen Glaubensgenossen veröffentlicht hatte, belohnen wollte, fand es am gescheidtesten, wenn er die Juden zu Rom nöthigte, jenem Ehrennahmen die Summe von 600 Piastern zu bezahlen, die nach seinem Tode zu den 800, vom Papste Clemens VIII. den Erziehungshäusern für getaufte Juden bewilligten Piastern hinzugefügt wurden. Die Verwaltung dieser Institute hat selbst die Güte, von der jüdischen Gemeinde, „die so reich und wenig besteuert sei" (auf eine Bevölkerung von 4000 Seelen sind 200 Familien auf die Armenliste geschrieben) die Unterhaltungskosten zn verlangen, die ihr die römischen oder fremden Juden verursachen, welche nach einer Einschließung von 40 Tagen, der sie sich un-