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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-04-04 · Heft 14 (4.4.1865) · p. Seite 215

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 14 (4.4.1865)
Date
1865-04-04
Page
Seite 215 (sequence 9)
Language
German
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Anlauf genommen, und sich demUltramontanismus iy die Arme geworfen. Dieser, eine Zeit lang von der jetzigen Regierung gepflegt, hat es an Uebergriffen nicht fehlen lassen, und so ist es natürlich, daß sich ein erbitterter Kampf innerhalb des Katholicismus erheben mußte, ein. Kampf, welcher einen schwachen Nachhall in der protestantischen Kirche Frankreichs zwischen Rationalisten und Pietisten erhielt, keinen aber innerhalb des Judenthums. Während daher in Deutschland ein Zustand der Ruhe eingetreten ist, den nur dann und wannl ein-Geplänkel, wie in Baden, unterbricht, und selbst die neueste Schrift, von Strauß keine Bewegung hervorgerufen — steht in Frankreich Alles in Hellen Flammen. Bis jetzt hatten nur die beiden Extreme ihren Ausdruckgefunden: Renan's Werk und die Encyklica des Papstes können dafür gelten. Aber jetzt hat auch die Regierung ihre Situation zu. nehmen sich gedrungen gefühlt;- und wenn die Absetzung Renan's eine Antwort an das linke Extrem war, so muß das Verbot, die Enchklica kirchlich zu veröffentlichen für eine Antwort an das rechte Extrem gelten. Wir haben in Frankreich hiernach gegenwärtig innerhalb des Katholicismus 4 Parteien: die' völlig negirende, welche jede Positivität der Kirche ableugnet, dann die liberalkatholische, eine jetzt sehr kleine, welche die Vereinbarkeit der liberalen Ideen mit der katholischen Kirche behauptet, ja in ihr die echte Trägerin derselben sehen will; ferner die gallicanische, welche der katholischen Kirche anhängt und sie so bestehen lassen will, .wie sie ist, ihr aber jeden Einfluß und Uebergriff auf Staat und Politik durch Gesetze verwehren will; endlich die ultramontane, der gegenwärtig fast der ganze Klerus anhängt, Miese. gallicanische -oder die Partei der gegenwärtigen Staats-Regierung hat soeben im Senate durch den Mund des früheren Cultusministers, jetzigen Präsidenten des Staatsrathes Rouland, in einer mächtigen Reve sich ausgesprochen und dem Ultramontanismus den Krieg erklärt. Man kann dieser Rede nicht Aufmerksamkeit genug schenken, und wir haben sie als ein wahres Palladium gegen die ultramontane Herrschaft , die ganz Europa mit Finsterniß bedroht, die Vernichtung der^ Gewissensfreiheit, die Ausschließung und Unterdrückung aller Andersgläubigen und die Wiederherstellung der Inquisition bezweckt, zu betrachten, wobei wir die Bemerkung nicht unterlassen wollen, daß jede neue. Auflage einesfrüheren Systems immer noch furchtbarer- und- -grausamer als' die erste ist, weil sie ihre Macht nur dadurch vertheidigen kann, daß sie dieselbe mit zwiefachem Schrecken umgibt. Wir wollen hier nur einige Stellen aus dieser Rede hervorheben, theils weil sie die ultramontane Partei überhaupt charakterifiren und einen Hellen Aufschluß über dieselbe geben, theils weil sie aus dem Munde eines aufrichtigen Katholikender sich den Feinden der katholischen Kirche mit gleichem Eifer entgegenstellt, ein Gewicht! haben, wie kein anderer es beanspruchen kann. Ich bedauere nur, daß ich mich darin wegen des Raumes und der Tendenz dieses Blattes nur auf Weniges beschränken muß. Cr sagte unter Anderem: „Im Jahre 1859 hatte man Vom römischen Hofe eine mündliche Convention erlangt, nach welcher der heil. Vater nichts nach Frankreich senden sollte, ohne vorher dem französischen Botschafter zwei Exemplare überreicht zu haben. Diese Convention wurde aber nicht ausgeführt und wurde selbst nicht in den sehr ernsten Umständen beachtetwelche als Resultat hatten, dem Ultramontanismus zu gestatten, dem Staate zu ttotzen, die Rechte der Krone zu vermindern, den Episkopat zu demüthigen und die Garantieen der französischen Kirche zu Grunde zu richten. Diese Umstände verdienen eine nähere Prüfung, und bei dieser Gelegenheit frage ich, wie es kommt, daß der Ultramontanismus auf dem Wege der Triumphe immer weiter vorrückt, indem er die Zerstörung der bürgerlichen und religiösen Freiheiten verfolgt. Man muß sich in Acht nehmen, denn man wird dadurch zu einer Umgestaltung des Katholicismus gelangen, welcher uns nicht mehr gestatten wird, ihn anzuerkennen (qui ne nous permettrait plus de le reconnaitre.“ Ferner: „Ich habe irgendwo gelesen, daß der Syllabus keineswegs ein Ausfluß übler Laune, ein feindlicher Zug gegen die Convention vom 15. Septbr. sei. Gut! Ich bin vom Gegentheile überzeugt; ich bin überzeugt, daß er wie ein Zankapfel hingeworfen wurde, um zu sehen, ob nicht noch gewisse Zündstoffe vorhanden seien, die in früheren Jahrhunderten nur zu oft Bewegungen veranlaßten. Hier der Beweis: Ich bebesitze den Syllabus bereits seit 3 Jahren; ich habe eine Copie desselben erhalten und aufbewahrt, da das Actenstück gar nichts Vertrauliches enthielt. Entworfen haben ihn Monseigneur Gerbet traurigen Andenkens und zwei andere Bischöfe. Dann gelangte er nach Rom. Wozu? Zunächst um gegen unsere moderne Zivilisation und unsere sogenannten Jrrthümer zu reagi- 14

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