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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-04-04 · Heft 14 (4.4.1865) · p. Seite 208

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 14 (4.4.1865)
Date
1865-04-04
Page
Seite 208 (sequence 2)
Language
German
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208 Häher hier den zehnten der „jüdischen Briefe", welche Herr Albert Cohn jetzt veröffentlicht, und von denen wir beträchtliche Auszüge in unserer „Correspondenz" bringen. X. Die Juden bewohnen Rom seir fast 2000 Jahren. Cicero findet sie schon fest niedergelaffen und bekämpft ihren Einfluß auf dem Forum, wenn er, als Advocat, sie als seine Gegner findet. Als Philo sich als Oberhaupt der jüdischen Gesandtschaft aus Alexandrien an den Kaiser Kaligula wandte, stützte er sich bei seinem Anliegen auf die wichtige Gemeinde in Rom; also sind unsere Glaubensgenossen um mehrere Jahrhunderte eher in Rom erschienen, als das Chrisienthum oder gar die päpstliche Herrschaft, welche sie seit so langer Zeit in ein ungesundes und allen Ueberschwemmungen des Tiber ausgesetztes Viertel verbannt hat. Bei dem Rückblicke auf diese traurige Gesetzgebung, die den Geist und das Herz unserer Brüder erniedrigt und verdumpft, kann ich kaum meine Ruhe bewahren, besonders in einem Augenblicke, wo man, um sich zu vertheidigen, die traurige Kühnheit hat, den modernen Völkern und den Regierungen unserer Zeit als Muster der Cultusfreiheit die so beneidenswerthe Lage unserer Brüder in Rom aufzuzeigen. Difficile 63t satyram non scribere. Es ist sehr schwer, den Gleichmuth zu bewahren und sich nicht der beißendsten Ironie zu bedienen, um alle die Quälereien von Oben und von Unten aufzuzählen, welche die Juden unter der väterlichen Verwaltung des Kreuzes zu ertragen haben. Denn wir Juden, mit Recht oder mit Unrecht, lieben die theologischen Fragen; als Glaubensvolk von unserer Kindheit an ein aufrichtig religiöses Leben gewöhnt, ziehen wir eine gläubige Regierung, einem aus Atheisten zusammengesetzten Volke vor; aber in Rom leidet Alles, was edel und menschlich in uns ist, und wird unaufhörlich allen Arten der empörendsten und ungerechtesten Erniedrigungen ausgesetzt. Ach, ich möchte wohl Herrn Dupanloup als Erzbischof in parlibus infideliutn zu Konstantinopel sehen — statt ruhig in der Stadt der Jeanne d'Arc zu leben — wie er aus dem Munde des Sultans, des Papstes der Muselmänner, eine ähnliche Erklärung hört, wie er sie uns in Betreff der Cultusfreiheit zum Besten gab! Ach, wenn die Katholiken ebenso von den barbarischen Türken behandelt würden, wie es die Juden von demjenigen werden, der sich servus servorum vei, den Knecht der Knechte Gottes nennt, welche Schmerzenrufe würden, und mit Recht, von Allem erhoben werden, was in Kirchen und Sakristeien das Wort besitzt! Aber man ist an den Ufern des Bosporus aufrichtiger als an den Ufern des Tiber; und bisweilen barbarisch oder selbst grausam fordert man nicht den Dank der Menschheit für Maßregeln, .weiche den Gefühlen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit widerstreben. In Konstantinopel ernennt man Christen zu Botschaftern der Hohen Pforte in Wien und London; in Konstantinopel gründet man höhere Schulen für die Medicin und die anderen Wissenschaften, und findet Mittel, die religiöse Empfindlichkeit der Katholiken wie der Griechen, der Juden wie der Armenier zu schonen. Die Prozessionen durchschreiten frei die Straßen der Stadt und finden dort bei dem ottomanischen Heere eine sympathische Haltung. Aber ich will ja, mein lieber Sohn, dich von Rom unterhalten und nicht von den Muselmännern, die ich keinesweges den europäischen Staaten als Musterregierung empfehlen will. Man muß gerecht sein, besonders gegen seine Gegner, und deshalb sehe ich mich gleich im Anfänge zu der Anerkennung gezwungen, daß unsere Brüder niemals, wie in den anderen christlichen Reichen, aus Rom gejagt worden sind. Derjenige, der die Tiara trägt und das geistliche Oberhaupt von hundert Millionen Katholiken ist, wie man uns stets versichert, erlaubte den spanischen Königen wie an seiner Grenze im Königreich Neapel, daß man die Juden martere. Torquemada und Genoffen wurden nie durch Warnungen desjenigen belästigt, welcher die Schlüssel zum Oeffnen und Schließen des Himmels besitzt; aber trotz alledem haben die Juden jeder Zeit in Rom gewohnt. Dies erklärt uns auch die unbegreifliche Zuneigung dieser Bevölkerung von mehr als 4000 Seelen für die Stadt, die seit mehr als zwanzig Jahrhunderten die Gräber ihrer Vorfahren umschließt. Es lebt im Menschenherzen ein geheimnißvolles Gefühl, welches ihn an den Ort, wo er geboren und sich entwickelt, fesselt; die Völker des Südens besonders lieben die Sonne und das Licht und entfernen sich schwer vom Aufenthalte ihrer Väter. Ohne diese unerklärliche Seite der menschlichen Natur könnte man nicht verstehen, wie es Menschen von derselben Beschaffenheit, wie wir, möglich gewesen ist, die — oft lächerlichen — Quälereien zu ertragen, wie sie die Herren Roms erfunden haben. (Fortsetzung folgt.)

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