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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-03-28 · Heft 13 (28.3.1865) · p. Seite 194

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 13 (28.3.1865)
Date
1865-03-28
Page
Seite 194 (sequence 4)
Language
German
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194 lassen. Selbst der Olymp ist bald aus Erden, bald im Himmel. Elfenbein und Marmor und Holz müssen zu einem Gotte werden, oder die Götter zu Elfenbein, Holz und Marmor. So vereint der griechische Geist Alles.— Aber nicht die Vereinigung allein schafft die Schönheit und Harmonie — alsdann müßte das Unisono die schönste Musik sein: sondern die besonnene Vereinigung des Verschiedenen und Mannigfaltigen zu einem Ganzen. Diese Harmonisirung und Vereinigung geschieht mit völliger Freiheit des Gemüths — so daß sie als ein Spiel der Gemüths- und Verstandeskräfte und zugleich wieder durch Gesetz und Regel nothwendig erscheint. — Ich will also nur kurz und gut sagen: Das Leben und Weben der griechischen Welt ist das Leben der Jugendwelt —: und ihr Treiben und Streben ist ein freies Spiel. Jeder Knabe verlebt ein frohes goldenes Zeitalter, in Spiel und Freiheit, ehe der israelitische Ernst des Lebens ihm erscheint und ihn mit Ahnungen der Zukunft erfüllt." Es gibt kein Buch, das mehr gelesen und doch weniger richtig erkannt, mehr verbreitet und doch mehr mißverstanden, mit mehr Verehrung und doch auch mit mehr Vorurtheil angesehen wird, als die heilige Schrift Israels. Ja, es gibt falsche Ansichten, Vorurtheile über den Inhalt derselben, die durch viele Jahrhunderte reichen und hundertmal widerlegt, immer wieder, und selbst da zum Vorschein kommen, wo man eine gewissenhafte Prüsnng beanspruchen könnte, und wo eine solche eine bessere Erkenntniß bewirken würde. Fassen wir eine gewisse Classe dieser Vorurtheile gegen unsere Bibel ins Auge, so können wir die Ursachen uns leicht erklären. Es lag in dev Natur und im Bedürfniß der christlichen Theologie, trotz der' Anerkennung des göttlichen Ursprungs unserer Bibel, ihren Inhalt nur als eine Vorstufe zu betrachten, als beschränkt, um einer Erweiterung zu bedürfen. Än der neuen Lehre sollte das alte Gesetz aufgehoben sein. Darum mußte man es für einseitig, für national, für hart und unanwendbar erklären. Freilich gerieth man dadurch in unlösbare Widersprüche, die um so stärker waren, je mehr das kanonische Recht Theile des mosaischen Gesetzes in sich ausgenommen, und sich auf dasselbe berief und stützte. Während nun in der protestantischen Kirche dies weniger der Fall war, weil sie mit dem kanonischen Rechte brach, so lag es ihr um so näher, das mosaische Recht durch die einseitigste Auffassung dem richtigen Gesichtspunkte zu entrücken und die Vorurtheile wider dasselbe zu nähren. Als nun die kritische Schule und die verneinende Partei heranwuchsen, waren diesen jene Vorurtheile nur um so willkommener. Ks lag in ihrem Interesse und in ihrer ganzen Richtung, den Inhalt unserer Bibel zu bemängeln, ja zu verunglimpfen. Wir wollen hiermit durchaus Niemanden beschuldigen oder anklagen; wir setzen bei den meisten keine bewußte Absicht voraus. Aber man weiß, wie leicht der menschliche Geist von einer bestimmten Meinung, von einer in ihm lebendig gewordenen Tendenz befangen wird, und wie sehr er dann einmal vorhandenen Ansichten, die seiner Richtung günstig sind, zu folgen geneigt ist. Wenige, die mitten in einem Parteikampfe stehen, fühlen sich bewogen, die Prüfung von neuem zu beginnen, und sind befähigt, unparteiisch und vorurtheilslos ihre Resultate zu suchen. Vermochte sich doch selbst Lessing nicht davon freizumachen, wie sein geistreiches Büchlein „Ueber die Erziehung des Menschengeschlechtes" erweist. Nach dieser Erklärung kann es uns nicht auffallen, daß wir gleiche, falsche und herbe Urtheile bei den protestantischen Pietisten wie bei Strauß und Renan finden, und daß sich die Extreme hierin berühren. Diese Vorurtheile gingen dann auch zu den Rathslehrern und Politikern über, und bei den liberalsten derselben finden wir sie am häufigsten. Wir gestehen, daß wir vom Beginn unserer schriftstellerischen Laufbahn an die Bekämpfung gerade dieser Vorurtheile zu einem der Hauptziele unserer Thätigkeit und Anstrengungen gemacht, und Dank dem Geiste unserer Zeit, steht man auch dieses Dunkel sich lichten und die Aussicht sich eröffnen, daß die bessere Erkenntniß nicht mehr allzufern sei. — Diese Gedanken wurden in der jüngsten Zeit wieder lebhaft angeregt, als wir ein soeben erschienenes, vortreffliches Werk: „Historische und politische Aufsätze vornehmlich zur neuesten deutschen Geschichte. Von Heinrich v. Dreitschke." (Leipzig, Hirzel, 1865) lasen. Der Verfasser ist ein meisterhafter Essayist, der namentlich deutsche Gestalten mit wenigen Zügen zu zeichnen und zu charakteristren, ihr Leben, ihre Tendenz und Stellung von ihren Umgebungen abzuheben, ihre Erlebnisse und Thaten vorzuführen versteht. Er ist ein Mann, der ernstlich die Wahrheit sucht und sich freudig zu ihr bekennt, der nach dem Rechte strebt und es kräftig verteidigt. Aber auch bei ihm begegnen wir den alten Vorurtheilen über die Lehre und das Gesetz Mosis. Alles, was ihm in Recht, Sitte und Gllruben hart und starr erscheint, bezeichnet er als jüdisch. Da tritt wieder -er

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