Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-03-21 · Heft 12 (21.3.1865) · p. Seite 180

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 12 (21.3.1865)
Date
1865-03-21
Page
Seite 180 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3226473-3226486--22905-3250183
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

haben, denn ein ganzes, muthbeseeltes Volk würde sich zu meiner Vertheidigung erhoben haben u. s. w." Und weiter: „Dort unten auf dem Wege, unter dem Felsen, liegt ein Erschlagener, dessen Blut noch nicht gerächt." Und dann: „Man weint über uns, aber wir weinen über niemand, denn unsere Herzen sind härter als die Herzen der Kameele." Das sind edle Gefühle, erhaben Gedanken! Averroös, der arabische Philosoph, der große Commentator der Werke des Aristoteles, hat schon in seinem Commentar über dessen Poetik bemerkt, die alten Araber hätten unter allen Tugenden nur die Tapferkeit und den Ruhm gepriesen; im Grunde, sagt er, reden sie nicht über dieselben, um die anderen zu ermuthigen, sondern nur aus Eitelkeit. Man hat auch gesagt, daß die Namen der semitischen Götter alle eine bestimmte Oberherrschaft ausdrücken. Lsal, der Herr; Adonis, mein Herr; 'Moloch,'ber König. Dagegen hat man Ästarte, Derkelo, Dagon, Camos und viele andere ausgelassen. Aber sehen wir hiervon ab und geben die Oberherrschaft zu. . Man hat geschlossen, daß die Semiten, wenigstens im Beginne, ein höchstes Wesen, einen einzigen Gott hatten anbeten müssen, der sich später, so zu sagen verdoppelt hätte durch die zufällige Berührung mit indo-europäischen Culten. Die semitischen Götter, behauptet man, sind nichts an und für sich und stellen nur die Eigenschaften und Namen des höchsten Gottes vor, während die indo-europäischen Götter auf ihre eigene Rechnung, nach ihrer eigenen Willensbestimmung, mit ihren eigenen Kräften, in ihrer eigenen Bewegung handeln. Ich gestehe, diese Selbständigkeit der indo-europäischen Götter kann ich trotz alles Suchens nicht finden. Haben die Griechen nicht ihren Zavg %vd'iCTog (.ityiorog? haben die Römer nicht ihren Jupiter optimus maximus? Werden nicht die Kräfte und Erscheinungen der Natur, die großen geschichtlichen Ereignisse oft direct auf Leus, auf Jupiter zurückgeführt? So fügt zum Beispiel im Anfänge der Ilias der Dichter, nachdem er vom Zorne des Achilles gesprochen hat, der den Griechen „Myriaden von Unfällen" verursachte, hinzu: Jiog d'areXaiazo ßovXr], „so wurde der Wille des Zeus erfüllt;" und doch sagt er unmittelbar nachher, daß Apollo gerade den Streit zwischen Agamemnon und Achilles entzündet habe. In der Odyssee erzählt Ulyß, daß der Gott Aeolus ihm bei seiner Abreise einen Schlauch mitgab, angefüllt mit den heulenden Winden, und er fügt hinzu: der Sohn des Kronos habe dem Aeolus die Beherrschung der Winde anvertraut und ihm die Macht gegebensie nach seinem Wissen ünzütegen oder zu besänftigen ' Katrop yaq za/utrjv uvifitav nofopa Kqovi'wp, ■tjjuay nuvifiavui tfd* oqvv^iav ov x ifraXtfatp. (Odyssee, X 21. 22.) In einem Fragment des Alcäus liest man: "Yai /.uv 6 Zavg, ,-Jupiter ließ regnen", ganz wie man in der Bibel sagt: „Und Jehova ließ regnen." Ebenso sagt Horaz: Jam satis terris nivis atque dirae Grandinis misit Pater. Man könnte noch viele andere Beispiele an führen. Hätte man also nun das Recht hieraus zu schließen, die Griechen und Römer seien Monotheisten gewesen, und die Namen ihrer Götter wären nur die Eigenschaften des Zeus oder Jupiter, wie es in der That in der Abhandlung „Ueber die Welt" behauptet wird, welche dem Aristoteles zugeschrieben wird, und die jedenfalls einen Heiden zum Verfasser hat? Aber nein, weder die Semiten noch die Indo-Europäer waren Monotheisten. Wenn es einen Unterschied zwischen den beiden Racen gibt — und gewiß gibt es einen — so ist es derjenige: die Semiten, denen es an Einbildungskraft fehlte, beteten nur an, was lebhaft ihr Auge, ihre Sinne traf: die Sonne, den Mond, die Planeten, die Bilder des Thierkreises u. s. w., während die Einbildungskraft der Indo-Europäer sie überall Götter sehen ließ, in der irdischen Natur wie am Himmel; ihre Dichter zeigten ihnen überall die Spur eines Gottes. In einem Worte, die Semiten waren Gestirndiener, wie man aus zahlreichen Stellen der Bibel ersieht; die Indo- Europäer beteten die ganze Natur an. Aber die einen wie die anderen verwechselten das Geschöpf mit Gott, weder die einen noch die anderen konnten sich bis zu dem Gedanken eines ersten, absoluten, einzigen, von der Welt unabhängigen, schöpferischen Grundes erheben. DaS ist der wahre Monotheismus, und diesen Monotheismus finden wir im Alterthume einzig und allein bei den Hebräern. Woher haben die Hebräer diesen Monotheismus geschöpft? Man hat nicht zu sagen gewagt, daß sie ihn in Aegypten gelernt, denn wer kennt nicht den rohen Götzendienst der Aegypter? Quis nescit, sagt Juvenat, qualia Clemens Aegyptus portenta colat? Crocodilon adorat pars haec, illa pavet satüram serpentibus Ibin. Oder hätte Moses etwa aus der Weisheit der ägyptischen Priester, aus ihren Mysterien seinen Monotheismus geschöpft?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.