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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-03-21 · Heft 12 (21.3.1865) · p. Seite 177

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 12 (21.3.1865)
Date
1865-03-21
Page
Seite 177 (sequence 3)
Language
German
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sonderbare: Ansicht für einen Geschichtsforscher. Wer möchte djei Segnungen der Vorsehung, welche in der Erstehung. großer Geister innerhalb einer Nation liegen, nicht würdigen wollen; wer. nicht die großen Vorzüge eines Genies und. die Erzeugnisse feiner Kraft bewundern! Aber darf man den Cultus des Genies so weit treiben, es zur Vorsehung selbst zu machen und ihm einen unbedingten Willen, eine unbeschränkte Machtfülle einzuräumen? Die Geschichte zeigt uns, daß geniale Geisteskräfte von sehr niedrigen Leidenschaften nicht stets gesondert sind, daß sie leicht in den äußersten Egoismus, in eine maßlose Herrschgier ausarten, und für die Segnungen, die sie verbreiten, zugleich die tiefsten Wunden schlagen, welche erst langsam durch die Zeit wieder geheilt werden können. Uebrigens sind es nicht die paar Genies unter den Staatsmännern, Feldherren und Herrschern, welche allein den Vordergrund in der Geschichte der Menschheit einzunehmen berechtigt sind. Diese besitzt eine lange Reihe von Genies, die auf den Gebieten der Wissenschaft, der Kunst, der Industrie, des nationalen und sittlichen Lebens gewirkt haben, deren Segnungen sich an keine Zeiten, keinen Raum binden, die geräuschlos noch heute und in aller Zukunft auf die Geister aller Geschlechter wirken, heute noch so frisch und lebenskräftig wie vor vielen Jahrhunderten, wenn auch ohne den Prunk und das Lärmen, ohne den Kampf und die Erschütterungen der politischen Genies. Diesen vor allen gebührt unser Cultus — das politische Genie muß sich den Widerstand und selbst den Sturz gefallen lassen, denn dies liegt in dem Elemente, in welchem es sich bewegt. Wer Herrschaft will, darf den Fall nicht scheuen; wer der ersteren froh geworden, darf über den letzteren sich nicht beklagen. Vergessen wir nicht, daß auch der genialste Mensch beschränkt und einseitig ist, darum die Richtung, die er verfolgt, niemals die ganze Wahrheit und das ganze Recht ist, darum den Widerspruch und Gegensatz von selbst hervorruft, darum der Widerstand der Nationen ein vollberechtigter ist. Wer diesen letzteren eine Versündigung am Genie nennt, versündigt sich am Genie der Nationen, und dieses steht über jenem um so viel höher, als eine Nation über jeden Einzelnen, wer es auch sei. Der Verf. geht aber nochweiter. Er stellt Casar und Napoleon zur Seite des Stifters der christlichen Religion, und gesellt Brutus und die Helden der Freiheitskriege zu den Juden. Denn daß er auch Karl den Großen in die Mitte von Cäsar und Napoleon schiebt, übersehen wir, weil dies doch nur als eine gewisse •&* gänzung figuriren soll. Mit jener Zusammenstellung ist er vom geschichtlichen Gebiete auf das theologische übergetreten, und hat eine historische Frage mit einer religiösen verbunden. Dies ist sicherlich kein glücklicher Gedanke des Verfassers, und man sieht ihm den Zweck allzusehr an. Cäsar und Napoleon sollen zu Meffiasen der Menschheit gestempelt werden und der Cultus des letzteren selbst eine religiöse Färbung annehmen. Der Verf. sagt: „Glücklich die Völker, welche sie verstehen und ihnen folgen! Unglücklich die, welche sie verkennen und bekämpfen! Sie handeln wie die Juden, sie kreuzigenNhren Messias; sie sind blind und schuldvoll: blind, denn sie bemerken nicht die Machtlosigkeit ihrer Bemühungen, um den endlichen Triumph des Guten hinauszuschieben, schuldvoll, denn sie verzögern den Fortschritt, indem sie dessen schneller und fruchtbringender Anwendung Hindernisse in den Weg legen." Nehmen wir einen Augenblick es als eine historische Thatsache an, .. daß die Juden Jesus gekreuzigt. Denn da wir diesen Vorgang aus .'keiner einzigen geschichtlichen Quelle berichtet haben, wird man uns den Zweifel an dem ganzen Factum nicht verübeln dürfen. Nehmen wir es aber als wirklich geschehen an, so hätte es eine Bedeutung für die Juden und für die allgemeine Welt. Hat nun Louis Napoleon trotz seiner jetzigen Eigenschaft als „ältester Sohn der Kirche" so wenig Kenntniß von der christlichen Lehre, daß er nicht weiß, daß die Juden hierdurch gemäß dieser christlichen Lehre der Welt den größten Dienst gethan? Durch diesen Tod hat Jesus „die Sünden der Welt auf sich genommen", „die Erlösung der Menschheit" bewirkt. Die letztere wäre ohne jenen Tod nicht eingetreten. Ist dies das höchste Dogma des Christenthums, so hätten die Juden nicht „den Fortschritt verzögert", sondern diesem den höchsten Dienst geleistet, und, welchesittliche Bedeutung die That für sie selbst gehabt, der Menschenwelt haben sie nach dieser Lehre das Heil in unbegrenzter Weise gefördert. Das gerade also, was der Vers, den Juden als Schuld anrechnet, das, worin er die Analogie mit Brutus und den Völkern der Freiheitskriege findet, fällt ihnen am wenigsten zur Last, denn eben durch diese That wurde Jesus erst zum Messias der christlichen Welt. Indem der Verf. also die Juden zu Verbrechern an dem christlich gewordenen Theile der Welt stempeln will, vernichtet er die höchste Lehre der christlichen Welt selbst. Betrachtet man aber die Thal in. ihrer Bedeutung für die Juden, so 12*

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