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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-03-14 · Heft 11 (14.3.1865) · p. Seite 162

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 11 (14.3.1865)
Date
1865-03-14
Page
Seite 162 (sequence 4)
Language
German
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m - Das Vorwort Napoleons III. . Was, würde jetzt wohl' gesprochen oder geschrieben, worin, nicht die Juden vorkämen? Welches Buch schlüge manauf, ohne sie nicht erwähnt zu finden? Diese allgemeine Beachtung hat ihre Licht- und ihre Schattenseite. Sie zeigt, daß man auf unsere geschichtliche, religiöse und sociale Bedeutung gar sehr aufmerksam geworden. Da es aber noch immer mehr Vorurtheil als Gerechtigkeit, noch immer mehr Haß als Liebe in der Menschenwelt und insonders betreffs unser gibt, so erleiden wir bei dieser steten Erinnerung an uns mehr Schaden als Nutzen, mehr Schmähung als Lob. Der Kaiser Napoleon will ein Leben Cäsar's schreiben y dieses Buch erfordert ein Vorwort; und dieses Vorwort muß der Juden schmähend gedenken, es muß sie zu denen gesellen, welche der Verfasser bekämpft. Die Juden haben Napoleon III. als Herrscher Frankreichs nichts vorzuwerfen; wenn er auch der katholischen Geistlichkeit Vorrechte eingeräumt hat, welche sie seit 1830 nicht mehr besessen, so hat er doch die Glaubensfreiheit vollständig erhalten, und ist überall, wo es galt, für sie eingetreten. So wenig uns daher in diesem Blatte das Werk des Schriftstellers Napoleon angeht, so fordert uns doch durch den gedachten Umstand das Vorwort zu einem kritischen Blicke auf, um dem zu begegnen, was es uns vorwirft. Das Buch selbst ist noch nicht erschienen; wir wissen daher . nicht, ob es uns zu irgend einer Bemerkung veranlassen werde. Es ist also lediglich das in diesen Tagen in den Zeitungen veröffentlichte Vorwort, welches wir zu besprechen haben. Nach dem alten Spruche: ox ungue leonem „aus den Klauen erkennt man den Löwen" läßt uns das Werk für die historische Wahrheit und Treue keine großen Aussichten. Das Vorwort beginnt mit einer Reihe allgemeiner Phrasen über die Geschichtschreibung, die sehr wohl klingen. Allein man ist es von den gegenwärtigen Franzosen schon gewohnt, für das Allgemeine sehr schöne Redensarten zu erhalten, die aber verschwinden, sobald aufs Concrete und Einzelne eingegangen wird. So wenig wir uns bei diesem Theile aufhalten wollen, so müssen wir .doch bemerken, daß auch hier schon Velleitäten und Widersprüche Vorkommen. Jede Institution, sagt der Verfasser, erweist..durch ihre Dauer ihre Güte. Dies ist kein neuer, doch stets ein Ausspruch, der von vornherein gegen die Ergebnisse eines Geschichtsforschers das vollständigste Mißtrauen einflößen muß. Wie? Hat die Geschichte dem Verf. nicht gelehrt, daß es Zeiten gibt, wo -die Schwäche, die Zersetzung, der Verfall es den Völkern unmöglich macht, sich von Institutionen zu befreien,r welche die schädlichsten und erdrückendsten sind? Gibt es keine Perioden, wo der Stillstand oder der Rückschritt der Entwickelung Institutionen duldet, die längst veraltet und verlebt sind, und welche dann, sobald ein. neuer Aufschwung beginnt, wie vermoderte Leichen zerfallen, welche der Berührung der. frischen Luft ausgesetzt werden? Wenn die Dauer für die Güte einer Institution entscheidet, mit welchem Rechte kann man sie verändern oder nur reformiren wollen? Das indische Kastenwesen, das chinesische Mandarinenthum bestehenJahrtausende und noch heute. Wenn das römische Cäsarenthum sich Jahrhunderte erhielt, war nicht allein der gänzliche Verfall der alten Völker daran schuld? Und hätte es nicht viel früher sein Ende erreicht, wenn die Völkerwanderung früher begonnen hätte? Findet der Vers, das byzantinische Kaiserthum bewunderungswürdig, weil es ein Jahrtausend das weströmische Reich überdauerte und erst des Schwertes der Türken zum Sturze bedurfte? — Mit vollem Rechte will der Verf. die Herrschaft der „Zufälle" aus der Geschichte gestrichen haben. Wenn ein „zufälliges" Ereigniß eine große und dauernde Wirkung hervorbringt, so liegt die wahre Ursache nicht in jenem „Zufall", sondern in den längst vorbereiteten Verhältnissen, die ihm diese Wirkung geben. Der Funke, sagt er, zündet nur dann, wenn er aus aufgehäuften Zündstoff fällt. Aber er sieht nicht, in welchen Widerspruch er verfällt, wenn er kurz darauf die unermeßliche Wirkung auf Völker und-Zeiten einzelnen in der Geschichte aufgetretenen Genies zuschreibt. Diese Genies sind „Zufälligkeiten". — uns Boten der göttlichen Vorsehung — sind nichts als „Funken", welche den Zündstoff in den Verhältnissen und Zuständen finden, und die wie Funken verschwinden würden, wenn sie nicht auf die längst vorbereiteten Verhältnisse und Zustände träfen, aus denen sie selbst hervorgingen, nach denen sie geartet sind. Doch kommen wir zur Sache selbst. Der jetzige Kaiser von Frankreich will, daß seine und seiner Dynastie Herrschaft nicht blos auf der physischen Gewalt, sondern auch auf der Macht des Geistes beruhe. Er will für sie auch auf dem geistigen Gebiete Propaganda machen. Das französische Kaiserthum soll eine Idee repräsenliren, und diese Idee als eine Nothwendigkeit, als vollberechtigt und unbedingt giltig erscheinen. Er sieht sich nach einem

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