Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1865)
- Date
- 1865-03-14
- Page
- Seite 163 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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163 Nameu dafür um und findet ihn im Cäsarismüs. Der Cäsarismüs also muß der Jetztzeit als; die einzig mögliche, einzig segensreiche Verfassung angepriesen oder erwiesen werden. Der Cäsarismus hat seinen Urheber und höchsten Repräsentanten im Julius Cäsar« Darum wird das Leben Cäsar'S geschrieben, um den Cäsarismus zu apotheosiren. . Was ist der Cäsarismus? Er ist die Autokratie mit dem -Scheine liberaler Institutionen. Er ist nicht der Despotismus, der das ganze Volk mit allen seinen materiellen und geistigen Besitzthümern für sein unbedingtes Eigenthum erklärt, über das er in vollständiger Willkürlichkeit schalten kann; er ist nicht der Absolutismus, der den Staat nach Gesetzen regieren läßt, aber die gesetzgeberische und aus führende Macht allein und unbeschränkt in die Person des Monarchen verlegt. Der Cäsarismus erkennt; die Volkssouveränetät an, und verlegt diese in die völlige Gleichheit aller Staatsangehörigen, er erkennt Institutionen an, welchen eine Mitwirkung auf die Gesetzgebung und die Verwaltung zugestehe. Aber er verlegt die unbedingte.Machtfülle in den Cäsar, welcher Volk und Institutionen völlig untergrordnet find, so daß sie sich dem Willen Cäsar's beugen müssen. Dies ist der Cäsarismus, der einentheils auf die Erschlaffung des Volkes, auf die Energielosigkeit des Geistes, andererseits auf die Macht des Schwertes, auf die Ergebenheit des Heeres sich gründet und berechnet ist. Der Cäsarismus unterscheidet sich daher vom Despotismus und Absolutismus nur durch — die Unehrlichkeit, durch den Schein, durch Phantome von Zugeständnissen, welche innerlich wesenlos sind. Seine Nothwendigkeit übertüncht man mit. dem Bedürfniß der Gesellschaft nach einer centralisirenden Gewalt,. sobald sie durch äußere Feinde schwer bedroht oder durch innere Parteiung in Gefahr steht. Aber eben darum ist seine Nothwendigkeit nur eine momentane, und die Gesellschaft hat für diesen Augenblick seiner Nothwendigkeit schwer zu büßen. Auch das republikanische. Rom kannte diese Momente und drückte sie durch die Dictatur aus, aber diese Dictatur war nur eine Institution für den Moment. Der Cäsarismus will diesen Moment verewigen. Seine Wirkung ist die völlige Entsittlichung des Volkes und die Prätorianer- Herrschaft, für die Cäsaren den „Cäsarenwahnsinn", den, dem Tacitus folgend, vor kurzem Frehtag*) so meisterhaft gezeichnet hat. Schwerlich verlangt man von uns *) In seinem Roman: „Die verlorene Handschrift." Beweise hierfür. Die Geschichte bietet sie in Fülle. DD römische Cäsarenthum behielt den republikanischen Apparat bis zum Ende bei, Wahl des Imperators,-Senat, Consulen u. dgl. Aber die Wahl ging vom- Volke -auf die Heere über und diese machten durch Aufstellung von Gegenkaisern oft genug Gebrauch davon, das: Schwert entschied; Senat und Consulen waren Schatten, und es störte den Staatsorganismus durchaus nicht, uls :ein -kaiserliches Lieblingspferd zum Consul gemacht wurde. Sehen wir dem Cäsarismus auf den Grund, so besteht erbarm, die völlige Gleichheit, aber ohne jede Freiheit, ohne auch nur einen Schatten von persönlicher Freiheit, zum Grundprincip zu machen. Nun. kann wohl die Freiheit öhrie die völlige Gleichheit,, wie England beweist, einen -dauernden und großartigen Staat schaffen undü bestehen machen. Aber die Gleichheit ohne die. Freiheit ist. nichts als die Atomisirung des-Volkes und der abgestandene „Volksbrei" taugt zu gar nichts. Lüftet man daher den Schleier, so war der römische Cäsarismüs doch, nichts anderes als der asiatische. Despotismus, der ebenfalls!:die Gleichheit der Volksmasse einschließt, und welchem heute den Sklaven zum Großvezier, morgen, den Großvezier zum Sklaven macht. Wir gestehen daher gern zu, daß Julius Cäsar ein nothwendiger Dictator 'für den Moment war; daß er diesen Beruf in großartiger Weise vollführte, daß er dem Principe der Gleichheit zum-wesentlichen Durchbruch verhalf und von den Schultern des Volkes, der Frauen, der Italiener, hartes Joch nahm. Dagegen aber erdrückte seine schwere Hand die Freiheit, machte den Willen des Senats; und des Volkes zum . gefügigen. Werkzeug des seinigen und ließ keinen' Widerspruch aufkommen. Die Folge war, daß: die Vertheidiger der Freiheit zur Verschwörung^.griffen. .Aber-der daraus entspringende Kampf zwischen der Freiheit und der Gleichheit entschied sich zu Ungunsten der.- ersteren, weil sie die Masse gegen sich hatte,- in welcher der.Geist der Freiheit erloschen war.! Cäsar vernichtete daS>; römische Bürgerthum, aber der römische Pöbeli war^ nicht im Stande es . zu. ersetzen, und dies war die Grundlage des römischen Cäsarenthums. , r -:n Wir glauben daher, daß. der Verfasser sich, seiner Dynastie und seiner Idee keinen großen Dienst geleistet, indem er die Fahne des Cäsarismus aufgepflanzt hat. Es ist die Sache der Franzosen, ihn factisch Lügen zu strafen; es ist Sache Europas, diese Fahne von sich zurückzuweisen. Es ist aber immer mißlich, iw' der - Geschichte Analogien aufzufuchen. Zustände; Situationen;