Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1865)
- Date
- 1865-03-14
- Page
- Seite 161 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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161 über Fort- und Ausgang eine sichere Aussicht zu eröff-! neu. Es kommt nämlich hierzu eine Beobachtung, die sich bei näherer Prüfung aufdrängt. Immer nämlich sehen wir, daß orientalische Völkerschaften sich nach Westen wälzen, im Occident Wurzel fassen und hier eine neue Entwickelung beginnen. Dahingegen gelingt es den occidentalischen Völkern nie, im Oriente heimisch zu werden und sich hier wesentlich in ihrer eigenen Art einen neuen Entwickelungsboden zu gewinnen. Es ist ihnen immer nur im Oriente die Herrschaft des Schwertes in Form einer übermächtigen Colonie gestattet. Griechen und Römer, Byzantiner und Kreuzfahrer gingen über solche Versuche, occidentalische Staaten im Oriente zu bilden, unter. Die Engländer sind noch heute nicht im Geringsten heimisch in Indien; ihre Krieger, Staatsmänner und Kaufleute kehren immer wieder nach England zurück und werden durch junge Sendlinge ersetzt, und der furchtbare Aufstand vor fünf Jahren erwies die Schwäche ihrer Herrschaft. So müssen auch die Russen strotz ihrer viel näherern Verwandtschaft mit dem Oriente den Kaukasus immer von Neuem mit ihrem Blute tränken, und wir haben dagegen das eigenthümliche Schauspiel, daß Hunderttausende von Tartaren deshalb aus ihren asiatischen Marken nach der europäischen Türkei verpflanzt werden. Diese Thatsachen erhalten eine um so lebhaftere Bedeutung, wenn wir dagegen sehen, wie der weitere Westen, die ganze neue Welt binnen kurzer Zeit völlig europäisirt worden ist, oder vielmehr wie die ' Europäer, die Engländer wie die Spanier, oder die Germanen und Romanen, Amerikaner und Australier geworden sind. Dieser große Wellkampf mit den obengezeichneten eigenthümlichen Erscheinungen muß selbstverständlich in einem "tiefen Gegensatz des innersten Lebens bestehen, der nicht blos in genetischen Anlagen, sondern auch in physikalischen Momenten begründet liegen. Jedenfalls hat er mit der Racenverschiedenheit nichts zu schaffen, da die europäischen Völker ebenso arischen Ursprungs sind, wie solche Völker, die im Oriente zurück- und orientalisch geblieben sind. Inmitten dieses Entwickelungsganges tritt uns nun eine einzige Völkerschaft mit völlig entgegengesetztem Verlaufe ihrer Geschichte hervor, nämlich die j ü d i s ch e. Ihr Schicksal als selbständiges Volk in einem Grenzlande zwischen Orient und Occident haben wir bereits berührt. In ihren Uranfängen schon wurde sie aus dem Orient nach dem Occident (Aegypten), und wieder zurück aus diesem nach jenem verpflanzt. Ihr Land war stets die nächste Schaubühne des Weltkampfes, auch nachdem es von dem jüdischen Stamme 'längst verlaffen worden. Nicht nur die Kreuzfahrer vollbrachten hier ihre-Ktiegsthaten, sondern auch in jüngster Zeit erwiesen der syrische Feldzug Napoleons und der syrische Krieg 1840 zwischen der Türkei und Aegypten, daß der alte Kampfplatz nicht vergessen worden. Mit der Zerstreuung der Juden, die allerdings schon vom babylonischen Exil zu datiren ist, sehen wir nun das eigenthümliche Schauspiel, daß der eine beträchtliche Theil dieses Volksstammes im Oriente verbleibt, der andere sich im ganzen Occidente ansiedelt und mit diesem nach der neuen Welt zieht; wir sehen jenen ganz orientalisch, diesen ganz occidentalisch werden, trotzdem beide sorgfältig ihre Abstammung, ihre Religion und eine gewisse typische Gleichartigkeit bewahren; wir sehen selbst einige Massen desselben aus dem Occidente (Spanien) unter die orientalischen Völker (Türkei, Berberei, Marokko) zurückgehen und unter ihnen wieder orientalisch werden. Man kann die auffällige Erscheinung so ganz wahrnehmen, wenn man den Zustand der nach Holland und England und der nach der Türkei u. s. w. gegangenen spanischen Juden'unserer'Zeit miteinander vergleicht. Die Juden widersprechen also allen Erscheinungen und Ergebnissen des großen Weltkampfes zwischen Orient und Occident; sie stehen in ihrer Art einzig da, nicht blos weil sie in beiden Welttheilen ihre Abstammung und ihre Religion bewahrten, sondern weil sie zugleich in ganz entgegengesetzter Strömung im Oriente Orientalen, im Occidente Occidentalen wurden und werden. Aber auch hier darf an eine Racenverschiedenheit nicht gedacht werden. Denn die anderen Völker der semitischen Race haben dieselbe Eigenschaft nicht im entferntesten, und die Araber, wo sie in den Occident eindrangen, sei es in reiner oder mit den Türken vermisch!- ter Nationalität verblieben vollständig orientalisch, so daß dadurch ganz Nordafrika ganz orientalisch wurde. Also auch hierin stehen die Juden in ihrer Art einzig da, in gewissen Beziehungen über den Strömungen des Weltganges, und es ist nur ein neuer Ausfluß des alten Vorurteils und der alten Gefchichtsverfälschung gegen sie, wenn man sie als von semitischem Unsprunge mit den anderen Völkern dieser Race identificirt, ihre, ihnen allein zugehörigen Vorzüge allen Semiten zuschreibt Und' ihnen dagegen die Schattenseiten eines vermeintlichen semitischen Charakters aufbürdet. 11*