Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1865)
- Date
- 1865-03-07
- Page
- Seite 153 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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i5a lebend, Jude und Ungar zugleich ist. Es ist also eine ausgemachte Sache, daß wir hier unter einem Volke von selbständigen Denkern leben, bei denen der Ausspruch des französischen Staatsmannes: „Hätte ich keine Opposition, ich müßte -mir eine schaffen" ganz überflüssig wäre. Die verschiedenen politischen Ereignisse des Tages, ebenso wie unsere Gemeinde- und Schulzustände belehren uns sattsam über die Richtigkeit des Gesagten. Kaum trat die Landes-Regierung zur Freude aller Besserdenkenden in Israel mit dem Projekte zur Gründung eines Rabbiner-Seminars hervor, da regnete es Opposition von allen Seiten. Die haarsträubendsten und unwahrsten Dinge wurden zu Papier gebracht, um die Schädlichkeit einer solchen Pflanzschule für jüdische Geistliche zu erhärten, ja man entblödete sich nicht, das Judenthmn in den Augen der Behörde dem größten Unglimpf preiszugeben, und Alles das geschah, um die Ausführung des heilsamen Projektes zu Hintertreiben, um zu opponiren. In Wien machte sich der diesem Gelächter zu Gebote stehende Einfluß geltend und die Angelegenheit wurde zu Gunsten der Finsterlinge vertagt. Allein sowie die dichteste Finstern iß dem Eindringen des Lichtstrahls sich nur momentan, aber nicht für die Dauer entziehen kann, so trat auch der Zeitgeist mit der Fackel der Vernunft in die Schranken für die Errungenschaft eines gesunden Fortschrittes und neuerdings wurden die betreffenden Acten hervorgeholt, einigen tüchtigen Rabbinen zur Begutachtung übergeben und nun werden aus Grundlage der ein geholten Materialien im k. k. Unterrichtsrathe zu Wien darüber Verhandlungen gepflogen werden. Wir hoffen mit größter Zuversicht auf ein günstiges Endresultat dieser Verhandlungen, und dürfte die hohe Regierung nun desto mehr geneigt sein, ihr Projekt zu verwirklichen, da sie eben aus den Protesten, womit sie vom nördlichen Ungarn, gerade zu sagen, überschwemmt wurde, ersehen kann, wie es um das Rabbinerthum in Ungarn steht und wie sehr eine Verjüngung dieses für das Judenthum so hochwichtigen Standes noththut. — Eines nicht viel besseren Looses erfreute sich die in jüngster Zeit aufgeworfene Frage, wegen der Änspection der jüd. Schulen, wozu die katholische Geistlichkeit durch freiwillige Resignation dieses usuell gewordenen Rechtes den ersten Anstoß gegeben. Da gab's wieder Opposition über Opposition! Der Lehrstand ergriff diese Gelegenheit, der katholischen Geistlichkeit öffentlich seinen Dank auszusprechen für die ihm stets ertheilte humane Behandlung und perhorrescirte das Beaufsichtigungsrecht von seiten des Rabbinerstandes, nicht nur aus dem Grunde, weil viele Rabbinen keine Fachmänner sind und der Lehrer nur durch Seinesgleichen beaufsichtigt sein will, sondern auch darum, weil die Rabbinen in ihrer prekären Stellung, zu willenlosen, gefügigen Werkzeugen, zur Maschine herabsinken müssen. Die Rabbinen ihrerseits, selbst solche nicht ausgenommen, die sich den berüchtigten Protesten anschlossen, halten die Schule für ihre Domäne und vindiciren daher sich allein das Jnspectionsrecht über die Schulen. Durch diese sich widerstreitenden Ansichten entstehen nun die sog. gordischen Knoten, und da bleibt nichts anderes übrig, als alexandrinisch zu Werke zu gehen und Gesetze zu becretiren. Das jüdische Schulwesen erfreut sich" überhaupt einer ganz besondern Aufmerksamkeit von seiten der Negierung. So lesen wir z. B., daß die Schulen zu Groß-Kanischa, Totis, Beßprim und Bonyhad (im raaber District) zu öffentlichen Hauptschulen, mit dem Rechte, staatsgiltige Zeugnisse auszustellen, erhoben worden sind. Diese Auszeichnung von seiten der h. Behörde konnte uns bei den drei erstgenannten Unterrichts-Anstalten nicht im entferntesten überraschen. Die israel. Schule in Kanischa, unter der umsichtigen Leitung des Lehrers Eichberg, hat nicht nur in der engern Umgebung, sondern auch weit hinaus über die Marken des Landes einen Namen vom besten Klang. Ausgerüstet mit tüchtigen Lehrkräften, wie Klein, Braun rc. liefert diese Anstalt, seit einer bedeutenden Jahresreihe ein ziemliches Contingent an den zeitgemäß gebildeten Kaufmannsstand, und da auch ihre sonstigen Leistungen den rigorosesten Anforderungen entsprechen, obschon der rabbinerliche Einfluß auf dieselbe beschränkt zu sein scheint, sehen wir in der Verleihung ihres Oeffentlichkeitsrechtes nichts anderes als die Würdigung ihrer Verdienste , um das Wohl der Jugend. Die Lehranstalten zu Veßprim und Totis entsprechen ebenfalls den Ansprüchen der Zeit und auch ihre Erhebung zu Hauptschulen kann uns nicht Wunder nehmen. Aber wie Bonhhad zu dieser Ehre kommt, eine Gemeinde, in deren Schule nicht nur die Spinnen, sondern auch eine mit dem Gemeindevorstande in Collision stehende Schul-Commission ihr Unwesen treiben, eine Gemeinde, die mit ihren Lehrern wie mit Dienstknechten' umspringt u. s. w. u. s. w., ist uns ein Räthsel. Philalethes. 10**