Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1865)
- Date
- 1865-03-07
- Page
- Seite 152 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226473-3226484--22875-3250151- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
152 kannte, schöne, alte Sitte. Bei dem häuslichen Feste nämlich, das /wir zur Erinnerung an den Auszug aus Aegypten und an die Befreiung von leiblicher.und geistiger Sklaverei begehen, steht mitten auf der Festtafel und mitten unter den Feftbechern, der Becher schönster, vom Hausherrn selbst gefüllt, für einen hohen werthen Gast, der erwartet und so behandelt wird, als ob er erschienen wäre. Dieser hohe Gast —.Viele von Ihnen haben ihm oft den Becher gefüllt — ist der heilige Prophet Elias! Ich soll unsere werthen Gäste begrüßen! Sie sehen, die Gastfreundschaft ist eine unseren Festtafeln eingewohnte und engverbundene Sache. Und so heiße ich Sie, verehrte Gäste, dann willkommen und so willkommen, als wjiren sie erschienen, entsendet vom Geiste des Lichts und der Wahrheit, entsendet vom heiligen Geiste, der da ist geheißen der heilige Prophet Elias! (Weitere Ausführung!) Ader noch einen Gast, verehrte Festfreunde, habe ich heute noch besonders zu begrüßen. Nicht leiblich ist dieser Gast unter uns erschienen, denn er existirt.nur im Geiste. Aber dieser, sein Geist, sein heiliger Geist, er weilt heute unter uns, und wir müssen seine Nähe empfinden und ihm den Huldigungsgruß darbringen, wie es einem hohen erhabenen Gaste geziemt. Wer ist der Mann, dem dieser Geist gehört? Meine Freunde, dieser Mann hat bereits nur einem Jahrhundert in seinem lichten, vorurtheilsfreien Geiste den ganzen gottentstammten Menschheitsverein dargestellt. Dieser Mann war, und dessen müssen wir heute hier besonders gedenken, ein Muster und Vorbild dieses unseres Vereins. Ja, dieser Mann war selbst ein Hilfs-Verein für jüdische Studirende. Dieser Hilfs-Verein nannte sich Gotthold Ephraim Lessing, und die jüdische Studirende nannte sich Moses Mendelssohn! (Ausführung und Schlußbegrüßung der Gäste). Es ist zu bemerken, daß eine gesegnete von innersten Antrieben herausgeforderte literarische ProductionSkraft sich nicht eigentlich zum Redner in üblichem Sinne qualificirt. Das ist auch bei Auerbach der Fall. Wie will in ihm der an Maß und Ziel gewiesene improvisirende Redner, der in der endlichen Minute sich endlich zusammenfassen und darstellen soll, wie will der mit dem Dichter fertig werden, dem der siebente Himmel nicht hoch genug und das leiseste Zucken der Seele noch nicht tief genug ist! In diesem Sinne sind denn die beiden Auerbachs auch wirklich nicht miteinander fertig geworden; denn gegen das Ende der rhetorischen Fahrt ging der Dichter mit dem Redner dermaßen durch, daß die Hörer eine heilige, jedoch belebende Angst befiel; denn Viele wollen meinen, und zu diesen gehört auch Schreiber dieser Zeilen, daß eine wunderbare und tief angelegte Natur, wie die Auerbach'sche, oft ernst, dann ihre volle Schönheit entfaltet, wenn es ihr begegnet — durchzugehen. Der Geheime Ober-Regierungsrath Engel, Director des statistischen Bureaus, dankte als Gast mit besonderer Hervorhebung, daß seine Studien auf dem Gebiete der Statistik ihm ein überaus günstiges Resultat geliefert, rücksichtlich der socialen und sittlicheu Schäden unter den Juden im Vergleich zu den allgemeinen Gesellschaftskreisen; und da er diesen günstigen Umstand auf Rechnung der größern Humanität brachte, mit der die Juden unter allen Umständen zusammenhielten, so wünschte er eine ewige Fortdauer und Verbreitung dieser Humanität. Diese jüdischeHumanität ließ er denn schließlich hoch leben. Aus dem Geschästsleben des Vereins ist noch nachzutragen, daß zu den bisher üblichen zwei Preisfragen: einer medicinischen und philosophischen für das laufende Jahr noch eine juristische hinzugekommen ist. Preisrichter sind: für die medieinische Frage, Geh. Medicinal-Rath Prof. Traube und Dr. Jos. Meyer, dirigirender Arzt der königl. Charite; für die philosophische, Professor Dr. Steinthal und Dr. Steinschneider; für die juristische, die Universitäts-Professoren Heydemann und Gneist. Ich schließe diesen unter der Feder angewachsenen Bericht mit dem lebhaften Wunsche, ich möchte mit demselben etwas Gutes bezweckt haben, nämlich das: Wo Juden einzeln oder in Gemeinschaft Etwas unternehmen und ansführen, wo insbesondere Einzelnen in hervorragenden Stellungen Macht und Einfluß gegönnt ist, da soll Allen die ulte heilige Aufgabe des Kiddusch hascheim lebendig vor die Seele treten. Oesterreichischer Kaiserstaat. Fnnfkirchen, 16. Februar. (Privatmitth.) Wer es versucht, sich in eine Analyse des jüdischen Charakters einzulassen, wird als Grundton desselben den Hang zur Opposition auffinden. Hier zu Lande tritt nun dieses Charakt'eristicon um so schärfer hervor, da der Jude, inmitten der parlamentarisch geschulten Ungarn