Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1865)
- Date
- 1865-03-07
- Page
- Seite 151 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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151 vielen, vielen Juden und für die vielen hochgestellten Christen, die daran Theil nahmen. Der Geist des berechtigten Selbstgefühls, der Selbstachtung, des tiefbegründeten Existenzrechtes, der Geist der überkommenen, lebendig erkannten aber noch lange nicht erfüllten Mission zog sich, maßvoll zwar, aber stolz und ohne Scheu durch Spruch und Rede während der ganzen Festesdauer. Erscheinungen solcher Art und in so preßstiliger schöner Weise können nicht verfehlen, nach alletl Seiten hin belehrend zu wirken und zum Nachdenken aufzufordern. Unsere reichen Herren Glaubensbrüder wollen lernen, daß Kunstbauten allein keine Garantie für die Ewigkeit sind. Unsere übereiferigen und mehr noch unsere religionskünstlerischen Glaubensbrüder wollen lernen, daß die Entscheidungen über den Piut- und Orgelkrieg noch lange keine Entscheidungen des weltgeschichtlichen Ober- Tribunals über unfern Fortbestand oder Unbestand sind. Unsere gleichgiltigen und vornehmen Herren Glaubensbrüder wollen erkennen, daß wer sich selbst aufgibt, Rücksicht und Achtung am Andern verscherzt. Die verehrlichen Gemeinde-Verwaltungen endlich wollen lernen und erkennen, daß Alles, was sich unter ihrem Einfluß und ihrer Mitwirkung nach Außen darstellt, was es auch immer sei, sich stets als Ausdruck und Abbild einer lebendigen in uns lichtgcwordenen Idee bekunden müsse. Der Weg zu solchen Ideen aber, zu solchen leuchtenden, unvergänglichen Vorbildern der That, will durchgemacht sein. Ein solches Hinaufblicken, ein solches Sichhinaufarbeiten zu Ideen ist die fundamentale Aufgabe des heutigen Judenthums. In ihr allein können sich, die sonst in äußerlichem Auseinandergehen, in würdiger und zwangloser Weise einigen. Alles, was heute in den Bereichen des Jugendunterrichts mühsam und ungesehen vorbereitet und erarbeitet wird; was der Einzelgelehrte in seinen wissenschaftlichen Nachgrabungen aus tiefer Dunkelheit ans Tageslicht.befördert; alle zur Verallgemeinerung der Kenntniß und Erkenntniß, zur Weckung des Gefühls der Einheit und Zusammengehörigkeit getroffenen Veranstaltungen, sind Besonderungsmittel zur Höhe solcher Ideen. Einzelnen nur ist es beschieden, fruchtbare Ideen hinzustellen; Allen aber ist es gegönnt, zu ihrer Verwirklichung Herz und Hand zu regen. Das gestrige Fest war ein glänzendes Beispiel für das stattliche lichmmwobene Erscheinen einer solchen Idee und für den lobenswerthen Eifer Vieler, sehr Vieler einer solchen Idee tatsächlichen Ausdruck zu geben. Daß dieser Hilfs-Verein für jüdische Studirende nicht blos eine Wohlthätigkeitsanstalt, sondern ein Cultur-Jnstitut, ein jüdisches Cultur-Jnstitut in reinstem und schönstem Sinne rst, das ist seinem gebildeten Vorstande und in diesem zu oberst dem Leiter und Vorsitzenden desselben, Sanitätsrath Dr. Posner, als Verdienst zuzuschreiben. Sämmtliche Reden des Festabends trugen ein schönes würdevolles, sittlichreligiöses oder auch philosophischpoetisches Gepräge, wie dies die Namen der Vortragenden leicht erkennen lassen. Es sprachen für die verschiedenen Festanlässe: der Vorsitzende S.-R. vr. Posner, Dr. Rosenstein, Professor Dr. Lazarus, Dr. Berthold Auerbach, Geh. Ober-Regierungsrath Engel (Director des statistischen Büreaus, in Antwort auf den Auerbach'schen Gruß an die Gäste) und der allbeliebte Kinder-Garten-Dichter Rudolph Löwenstern (zur Einleitung der Tischsammlung und über das vernachlässigte geflügelte Wort: „Er hat ein jüdisches Herz"). Von diesen durchweg vortrefflichen Reden und Sprüchen gestatte ich mir nur einen Toast aus dem noch ganzen frischen Eindrücke, wie ich hoffen darf, zum Genüsse weiterer Weise kurz zu skizziren. Der Sprecher nicht minder wie das Gesprochene werden nicht verfehlen,^ Leser dieser Blätter zu interessiren. Berthold Auerbach, der gefeierte deutsche Dichter, begann seinen Trinkspruch in dem jüdischen Vereine, nach einigen Einleitungssätzen, also: Es ist eine alte, schöne Sitte in unseren gottesdienstlichen Veranstaltungen, daß Einer nach dem Andern aufgerufen wird zur heiligen Thora, um dort eigen und persönlich sein innerstes Bekenntniß auszusprechen vor Gott. Nun will es mich bedünken, daß auch wir heute so Einer nach dem Andern aufgerufen werden, um vor einem großen und heiligen Gedanken unser Innerstes aufzuthun und darzulegen. Allein, wie in dem Tongebilde der musikalischen Fuge die Macht und die Schönheit darin besteht, daß eine Grundmelodie durch alle Stimmen geht und so nacheinander immer verändert und doch dieselbe zum Vorschein kommt, so kann ich auch nur in die Grundmelodie, die hier schon wiederholt so schön erklungen, mit meiner eigenen Stimme einspringen und dieselbe weiter führen. (Ausführung!!) Es gibt eine andere und den meisten hier wohlbe- 10