Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1865)
- Date
- 1865-03-07
- Page
- Seite 145 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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liS titln noch emett Schritt weitet Und' steüen unä auf den Boden der gesammten Menschheit: so kann es nicht verkannt werden, daß sich seit Jahrtausenden ein allgemeines Culturleben herausarbeitet, in welches auf dem Grunde der internationalen Verbindungen ein Volk nach dem andern immer vollständiger eintritt, an welchem immer mehrere und immer kräftigere Völker Mitarbeiten und das sich immer beherrschender durchbildet. Dieses allgemeine Culturleben aber bringt unter die Völker, die an ihm Theil nehmen so viel Ausgleichung an Sitte, Bestrebung, Charakter, Inhalt der Gedankenwelt, politischen und socialen Grundsätzen und Einrichtungen, an allen Bedürfnissen und deren Befriedigung, an Industrie, Kunst und Wissenschaft, daß zwar die nationale Individualität dadurch durchaus nicht völlig beseitigt, aber doch sehr beschränkt und vielfach abgeschwächt wird. Iemehr nun aber die großen Racen aus den vielfältigsten Völkerschaften bestehen, d. h. je mehr und verschiedenartiger durch undenkliche Zeiten hindurch Völkerschaften aus dem gemeinsamen Racenursprung sich entwickelt haben, desto geringer wird das Maß ihrer Gemeinsamkeit sein, desto weniger wird es gelingen, einen gemeinschaftlichen Charakter in diesen Racen aufzufinden, desto irriger werden alle doktrinären Erklärungen sein und desto gefährlicher alle Folgerungen, die daraus gezogen werden. Wenn es schon reine Phantasie wäre, z. B. die jetzigen Deutschen mit ihren Vorvätern am Kaukasus irgendwie auf eine Linie zu stellen, wie will man sie mit den Indern am Ganges unificiren? Was können wir für das richtige geschichtliche Verständniß gewinnen, wenn wir nachweifen, daß die jetzigen Slaven und Spanier beide der arischen Race angehören? Wennhingegen viele der asiatischen Völker, wie die Perser und Araber, verschiedenen Racen entsprungen sind, haben sie nicht viel mehr Identisches gegenwärtig miteinander, als die Perser und Engländer, trotz deren Racengleichheit? Allerdings für die Sprachforschung ist es von großer Bedeutung, weil eben das Hauptelement der Sprachen aus jener«, grüuen Vorzeit entsprungen ist. Aber die Geschichte, die seitdem so große Zeiträume zurückgelegt hat, kann nichts daraus ziehen; und es wird noch mehr zu großen Jrrthümern führen, wenn dem Racenelement aus Leben und Zukunft irgend ein bestimmendes Moment eingeräumt - werden soll. In der That ist es merkwürdig, wie schnell und total^ die Ansichten in der Zeit sich ändern.- Das vorige Jahrhundert war von den'Begriffen der Humanität, der Gleichheit der Menschen und dem Streben nach ihr durchdrungen und beherrscht, während in unserer Zeit Nichts eifriger betrieben wird, als das Menschengeschlecht wieder in Theile und Theilchen auszulösen und überall die Momente der Verschiedenheit aufzusinden und geltend zu machen. Wir geben zu, daß jene Richtung des vorigen Jahrhunderts zu Oberflächlichkeiten mid Einseitigkeit, und, eingeführt in das politische und sociale Leben zu gefährlichen Doctrinen und Confequenzen führen konnte. Aber bei weitem gefährlicher scheint uns das vorwiegende Streben unserer Zeit. Wir haben ein großes geschichtliches Beispiel, das uns davor warnen müßte. Das Christenthum trat in seiner ersten Epoche mit den Grundsätzen der Gleichheit und der Aufhebung aller Unterschiede in Nationen und Ständen auf, und trotzdem brachte mit schneller Wendung das christliche Mittelalter das Streben nach immer tiefer greifender und immer schrofferer Trennung in Nationen, Ständen, Lebensberufen, nach korporativer Spaltung der mannigfaltigsten Art herein und zu Wege. Mag also auch unsere Gegenwart ein Correctiv für die allzugroße Eilfertigkeit und Oberflächlichkeit des vorigen Jahrhunderts sein, denn die Menschheit kann sich mit bloßen Voraussetzungen und Annahmen aus Gedanke und Gefühl niemals begnügen, und die Gestaltung des "wirklichen Lebens will sich immer nur aus der gründlichsten und factischesten Durcharbeitung erschaffen. Aber wir dürfen nie vergessen, daß auch die tüchtigste und scharfsinnigste Ergründung zu gleicher Einseitigkeit zu führen geneigt ist und wir dürfen niemals das wahre Ziel und den rechten Zweck aus den Augen lassen, und diese bestehen noch heute in dem Ausspruch des Propheten: >'n rrrp Mnn dto ‘jbwb 'rr srrm :inN i72wi Nur Eine Menschheit soll es sein! Zerstreute Bemerkungen. Seit dem Tode des berühmten deutsch-amerikanischen Novellisten Sealsfield wird die Frage, von welcher Abstammung und welchem Glauben der Verstorbene gewesen, häufig ventilirt. Bekanntlich gab man ihn schon bei Lebzeiten häufig für einen Juden aus. Einer seiner wenigen näheren Bekannten, H. M. Kertbeny, hat jüngst „Erinnerungen an Charles Sealsfield" herausgegeben. Kertbeny vermuthet, daß Sealsfield ein österreichischer Israelit, vielleicht Namens Siegelfeld, war, der aus Ver- 10*