Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1865)
- Date
- 1865-02-28
- Page
- Seite 137 (sequence 13)
- Language
- German
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137 Jahrhunderts „semitische Sprachen" zu nennen Pflegt, weil — so sagt man — die Völker, , welche sie sprachen, von der Race Seins, dem Sohne Noah's, sind. Diese Völker sind die Ässyrer, die Chaldäer oder . Babylonier, die Syrer, die Hebräer, die Araber und die Aethiopen. Die Benennung „semitische Sprachen" ist kritisirt worden; man hat mit Recht bemerkt, daß die Phönizier und Aethiopen, nach der Genesis, von Cham und nicht von Sem abstammten. Vorgeschrittenere Kritiker, die den Grundsatz aufstellten, die Uebereinstimmung der Sprachen sei ein deutlicher Beweis für die Gleichartigkeit der Racen, behaupteten kühn, die Phönizier und Aethiopen seien Semiten, und es wäre aus Jrrthum oder gar aus Bosheit geschehen, daß der Autor der Genesis sie in die Familie des Cham hinein verbannte. Es ist dies eine sehr bequeme Kritik, die eher aus einer Koketterie mit dem Skepticismus als aus der Begierde, die Wahrheit zu suchen und zu erkennen, hervorgeht.... Man muß sich erinnern, daß, nach Herodot, die Phönizier von den Küsten des Rothen Meeres, d. h. wahrscheinlich des Persischen Meerbusens hergekommen waren, als sie sich in Palästina niederließen. Diese Wanderung muß im höchsten Alterthum stattgefunden haben, denn als Abraham der Aramäer in Palästina mit seiner Familie anlangte, bestanden die Niederlassungen der Kanaaniten schon: „der Kanaanit war damals im Lande", sagt die Genesis (12, 6). Die Phönizier ließen sich unter den Ureinwohnern Palästinas nieder, den Emim, Zuzim u. f. w., von denen uns die Bibel die Race nicht angibt, die also Semiten sein und einen semitischen Dialekt sprechen konnten (was sogar sehr wahrscheinlich ist).. Die Phönizier nahmen allmählich die Sprache dieser Völkerschaften an. Diese Hypothese würde auch die Existenz mehrerer chamitischer Bruchstücke in der phönizischen Sprache erklären, besonders des Personalpronomens anokh oder anokbi (ich), welches sich in keiner andern semitischen Sprache, ausgenommen in dem Hebräischen, findet, das ja nur ein phönizischer Dialekt ist; hier gebraucht man neben dem anokbi das semitische Fürwort am. * *) Eine ähnliche Thatsache kam auch bei den He-- *) Diese Bemerkung ist richtig, erhält aber eine ganz andere Tendenz, wenn wir bedenken, daß hierbei im ■orjs weder das *»- als Charakteristicum der ersten Person, noch das 3N, welches auch im vorhanden ist, in Betracht kommt, so daß nur 2übrigbleibt, phön. eol,, koptisch oll, was-mit dem griech. und lat. ego, ©cmöfr. ah-am, bräern vor; die Abrahamiden, Aramäer dem Ursprünge nach, nahmen, als sie in Palästina angekommen, allmählich die palästinische Sprache, d. h. die Sprache der Ureinwohner und der Phönizier an; aber sie bewahrten die Bruchstücke der Sprache ihrer aramäischen Vorväter, besonders das wichtige Wort hawa ober haja (sein), welches in inniger Verbindung mit den Gottesnamen Yahweh ober Jehovah steht, während die Phönizier das Verbum „sein", wie die Araber, durch cawan oder eüu ausdrückten. Vor mehr als dreißig Jahren glaubte ich das Zeitwort ean in zwei punischen Versen des koenulus des Plautus wiederzuerkennen, die Orientalisten haben oft die Wahrheit der Sache angezweifelt, welche aber seitdem durch die phönizische Inschrift von Marseille und die des Eschmun-Ezer, Königs von Sidon, bestätigt ist. „Wie es sich auch mit diesen ethnographischen Fragen verhalten möge, die ich hier unmöglich erschöpfen kann, so könnte man den sog. semitischen Sprachen einen weit charakteristischeren Namen geben, wenn man sie: dreibuchstabige oder zweisilbige Sprachen nennte; denn, so hoch wir auch in der Geschichte der semitischen Sprachen aufsteigen mögen, dieselben zeigen Wurzeln aus drei Buchstaben, verbunden durch zwei Vocale und so zwei Silben bildend. Die indo-europäischen Sprachen haben dagegen alle einsilbige Wurzeln; so hat das Zeitwort „machen" im Sanskrit die Wurzel kri, im Griechischen poi, im Lateinischen lao, im Deutschen maeli; aber im Assyrischen abas, im Phönizischen paal, im Hebräischen asa, im Aramäischen abad, im Arabischen faal, im Aethiopischen gabar.*)... — Die semitischen Sprachen sind auch arm in ihrer Syntax: sie geben sich nicht mit großen Perioden ab; die Sätze deutsch ich, zusammenzustellen ist, s. Fürst' Handwörterbuch s. v. Die Redact. d. Allg. Z. d/I. *) Die Ansicht, die hier Herr Munk darlegt, ist die seit dem Anfang dieses Jahrhunderts durch Schlegel und Wilhelm ». Humboldt verbreitete. Gegenwärtig aber ist sie antiquirt, da nachweislich die meisten hebr. Wörter auf zweibuchstabige oder einsilbige Wurzeln zurückzuführen sind, und eine nicht geringe Zahl dieser Wurzeln mit denen der indo-greko-germanischen Sprachen im Zusammenhänge steht. Wir-werden bald Veranlassung nehmen, hierüber ausführlich zu handeln und verweisen heute nur auf das ausgezeichnete Werk Steinthal's ^Die Charakteristik der Sprachen." Selbst das von Munk gewählte Beispiel erweist dies, da nwzur Wurzel DA, by hat und st nur Formbuchstabe ist. Die Red. d. AZ. d. I. 9**