Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1865)
- Date
- 1865-02-28
- Page
- Seite 130 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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130 die deutschen Juden, hierin ein erleuchtendes Beispiel in der christlichen Bevölkerung haben. Die Redaction der Allg. Ztg. d. Judenth. Zerstreute Bemerkungen. Wie weit die Frivolität in unserer Zeit geht, kann man aus der Notiz sehen, daß die Jugend Mosis den Stoff sogar zu einem Ballet geliefert hat. Der Balletmeister Petipa in Petersburg ist nach Moskau berufen worden, „um daselbst sein Ballet, die Tochter Pharao nis, in Scene zu setzen." Die Frau des Verfassers übernimmt die Titelpartie dieses „biblischen Tanzpoöms", wie die Blätter es nennen. Wir trafen jüngst im 36. Buch der „Histoire du Consulal et de l’Empire“ von Thiers auf folgende sonderbare Notiz. Es ist die Rede von dem Verhalten der Einwohner von Oporto in Portugal, als der Marschall Soult im April 1809 diese Stadt eingenommen hatte: „Die Mittelclasse entsprach den Kundgebungen des Marschall Soult mit einer Art Befriedigung und schien entschlossen, sich ruhig zu verhalten, wenn er seinem Worte treu bliebe, wenn er eine gute Disciplin unter seinen Soldaten bewahrte, wenn er den Pöbel im Zaum hielte und jedem die Freiheit verschaffte, seinen Geschäften nachgehen zu können. Unter diesen Resignirten, welche die Liebe zur Ruhe den Franzosen unterwarf, traten mit besonderm Eifer die Juden hervor, überall sehr zahlreich, sehr thätig, sehr reich, aber vorzüglich in den wenig civilisirten Ländern, wo man ihnen den Handel überläßt, den man selbst nicht zu betreiben versteht. Man zählt ihrer mehr als 200,000 in Portugal, die unter einer harten Unterdrückung lebten, und die jetzt sehr erfreut waren, unter der Herrschaft der Franzosen einer bürgerlichen Gleichheit entgegenzugehen, welche ihnen die wünschenswertheste von allen Regierungsformen schien. Nachdem sie in Verhandlung mit der französischen Verwaltung getreten waren, in Betreff der Unterhaltung der Armee und der Erhebung der Steuern, gelangten sie bald zu politischen Eröffnungen über die Art und Weise, in Portugal eine geregelte Regierung zu errichten." Der Marschall Soult nämlich ging mit dem Plane um, sich; selbst zum Könige von Nordportugal zu erheben. — Da Thiers nur selten die Quellen für seine Angaben anführt, so wären wir um so neugieriger, woher er die Notiz über die Juden an dieser Stelle gehabt. Denn wir fragen erstaunt, woher in Portugal mit einem Male 200,000 Juden erscheine«? da sie damals bekanntlich seit drei Jahrhunderten aus Portugal verbannt waren und sie erst jetzt sich wieder in Lissabon ansässig gemacht, wo ihrer noch nicht 2000 gegenwärtig wohnen sollen und außerdem eine kleine Zahl in Oporto. Die meisten von diesen sind aus den Barbareskenstaaten eingewandert. Es ist also jedenfalls eine chimärische Angabe des französischen Geschichtschreibers, denn die damals in Oporto anwesenden Juden können sich nur auf einige Lieferanten beschränkt haben, die im Gefolge des französischen Heeres dahingekommen. Nebenbei spricht Herr Thiers auch seine eigene Meinung über die Juden, die nach ihm „überall sehr zahlreich, sehr thätig und sehr reich sind." Kann man ihnen auch die zweite Eigenschaft zugestehen, so ist doch die erste nicht auf sie anwendbar, namentlich nicht in Frankreich, Italien, Belgien und England, am wenigsten aber auf der pyrenäischen Halbinsel, und das letzte Beiwort „sehr reich" gehört in das Fabelreich der Vorurtheile, da auf eine Handvoll reicher Juden viele Tausende von armen Schluckern dieser Glaubensgenoffenschaft kommen. Es ist überhaupt merkwürdig, daß die französischen Geschichtschreiber des ersten Kaiserreichs von gehässiger Gesinnung gegen die Juden nicht frei sind; wir erinnern an den Grimmen des Grafen S6gur auf die Juden in Warschau, denen er blutige Rache schwört in seiner (romanhaften) Geschichte deS russischen Feldzuges. Wenn dies daraus entspränge, daß die Franzosen bei den Juden die unbedingteste Hingebung und Begeisterung für sie voraussetzten, weil sie ihnen allerdings die bürgerliche Freiheit brachten und jene weniger fanden als sie erwartet: so gäbe dies ein bedeutsames Zeugniß für die wahrhaft patriotische Gesinnung der Juden, denen das bedrohte Vaterland höher stand als ihre persönliche Befreiung von schwerem Druck. Bewiesen doch die deutschen Juden diese ihre Selbstaufopferung in einem Grade, wie unter ähnlichen Umständen nicht alle Schichten des Volkes und nicht die Angehörigen aller Nationen bethätigt haben. Das ultramontane pariser Blatt „le Monde“ schreibt: „Eine neue Synagoge wird binnen kurzem in Nttakving*) *) Welchen Ort dieser barbarische Name bedeute, müssen wir erst aus den geographischen Lexikon des Monde erfahren. Die Redactiou.