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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-02-28 · Heft 9 (28.2.1865) · p. Seite 129

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 9 (28.2.1865)
Date
1865-02-28
Page
Seite 129 (sequence 3)
Language
German
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m wahrend ein anderer Uebelstand in dieser Richtung, der; fortwährende Kampf nämlich zwischen dem orthodoxen und dem gebildeten Judenthrckie, ihm die Bitte eingibt, der Staat möge die Rabbiner unabhängig von der Gemeinde anstellen, weil die jüdische Gemeinde in kleineren Städten in ihrer Majorität weder von dem Berufe eines Rabbiners noch von der Bedeutung ihres Wahlrechtes einen Begriff hat und weil es sogar vorgekommen, daß junge durch den Einfluß der Regierung angestellte Rabbiner durch die Opposition des Obscurantismus die Zielscheibe aller möglichen Gehässigkeiten wurden. Aus ähnlichen Gründen hält der Verfasser es für nothwendig, daß die Verwaltung der Gemeinde als religiöser Körperschaft „in die Hand eines Vorstandes von Intelligenz und moralischem Charakter (Kaufleute, Aerzte, Advocaten) gelegt würde. Diese letzteren Wünsche haben ihre gefährliche Seite, und wir können nicht umhin, darauf aufmerksam zu machen. Es entspricht vielleicht dem Geiste unseres strebsamen Jahrhunderts, wo man »teiiors de confeclion für alle möglichen Lebensbedürfnisse anlegt, sich auch die Kanzelberedsamkeit aus einem renommirten Etablissement nach Bedarf und auf Bestellung kommen zu lassen; ob aber aus der dogmatischen und -schematischen Rabbinerschule auch wahre, von ihrem Berufe begeisterte, mit dem Geiste der Zeit fortschreitende und nicht professionelle, an dem Erlernten starr festhaltende, auf ihr Staatspatent eingebildete Rabbiner hervorgehen werden? — Den aufgeklärten Rabbiner mag oft Mißmuth befallen, wenn seine bestgemeinten, seine höchsten, wie seine geringfügigsten Bestrebungen durch die unwissende Mehrheit vereitelt werden. Wer ist dies nicht das Loos aller Neuerer, aller Reformatoren? Dürfen sie vergessen, daß der Fortschritt nur erkämpft, nicht decretirt werden kann? Ferner: wird heute die Gemeinde ihrer Autonomie zu Gunsten der Regierung im Intereffe des Fortschrittes entkleidet, wer wird sie ihr wiedergeben, wenn eines Tages die durchaus nicht unfehlbaren Behörden es angemessener finden, sich auf die Seite der Orthodoxen zu schlagen, wie dies ja auch ihrem innersten Wesen entspricht? An Beispielen hierfür selbst aus der Mitte des modernen Judenthums mangelt es nicht. — Darum können wir auch dem weiteren Wunsche der Denkschrift nach einer Centralstelle für Vas Judenthum am Sitze der Regierung unfern Beifall nicht zollen. Die herrschende Kirche ^n einem Lande hat das Privilegium der Intoleranz nicht allein; jede organisirte Behörde, vorzüglich aber Kirchenbehörden, glauben an ihre Unfehlbarkeit und wlfsen dieselbe auch durch Gewalt Anderen aufzudrängen. Sollen wir in dieser Beziehung an den evangelischen Pastor Coquelin erinnern, welchem ganz kürzlich vom pariser Consistorium die Kanzel untersagt wurde, weil er, der Nichtkatholik, Nenan's Leben Jesu nicht etwa im Gotteshause, sondern in einer periodischen Schrift vertheidigt hatte? ... Am Schluffe dieser Analyse angelangt, ist es uns angenehm, mit dem Verf. der Denkschrift in der Forderung übereinznstimmen: es möge für die Verbreitung von Handwerk und Ackerbau unter der israelitischen Bevölkerung gesorgt werden. Doch müssen wir, obzwar die mehrfach eingeschalteten Bemerkungen über unsere Ansichten in dieser Frage kaum mehr einen Zweifel übrig lassen können — zur vollständigen Klarmachung unseres Standpunktes Folgendes hinzufügen. Hätten wir ein Programm „für die sittliche und materielle Wiedergeburt" des Judenthums aufzustellen gehabt, so würden wir als äußeres Mittel, als solches, welches das Judenthum selbst sich nicht appliciren kann, nur eines gefordert haben: die vollständige Gleichstellung vor dem Gesetze. Was die inneren Mittel an betrifft, so hat das Judenthum allein als autonome Religiousgenoffenschaft dieselben zu wählen und zu bestimmen, Denn hüben und drüben muß endlich die Ueberzeugung durchdringen: das Judenthum ist nur eine religiöse, keine politische oder sociale Gemeinde, kein Staat im Staate." So weit die Nordische Revue. Wir brauchen wohl kaum hinzuzufügen, daß wir der Meinung des Verfassers vollständig beipflichten. Jeder gewaltsam erzwungene Fortschritt ist gar kein solcher, denn der wirkliche Fortschritt besteht in der geistigen Entwickelung, die niemals erzwungen werden kann. ,Gerade ein Gegentheil erbittert jede reformatorische Zwangsmaßregel auf religiösem Gebiete die Gemüther nur um so mehr, so daß . sie die Bildung nur um so heftiger zurückweisen und bekämpfen und sich dem Gegensatz, hier dem Chassidismus, in die Arme werfen. Nur in einem Punkte möchten wir den Verfasser des Artikels ergänzen, und dies ist die Beförderung des Schulwesens. Wenn die Gleichheit vor dem Gesetze alle äußeren Momente umfaßt, so verlangt doch das Schulwesen inmitten einer großen, ungebildeten Volksmasse, die von den Segnungen der Schule keinen Begriff hat und ihr vielmehr' feindlich gesinnt ist, der materiellen und geistigen Pflege, und zwar für die russischen 'Juden um so mehr, als diese nicht, wie vormals

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