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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-02-21 · Heft 8 (21.2.1865) · p. Seite 120

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 8 (21.2.1865)
Date
1865-02-21
Page
Seite 120 (sequence 10)
Language
German
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120 duldsamere Regierung gebe, als die päpstliche, so sei die Enchklica so aufzufassen, daß sie sich den Grundsätzen der evangelischen Menschenfreundlichkeit am meisten nähere. Den Beweis fürseine Argumentation findet der genannte Bischof in der duldsamen Weise, wie die Juden in behandelt werden." - Wenn der Herr Bischof seine Argumentation für die päpstliche Regierung nicht besser führen konnte, so steht es sehr schlimm darum. Oder fieht der Herr Bischof darin schon eine große Duldung, daß die 4000 römischen Juden nicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden? Wir gestehen offen, daß wir ein Verbannungsdecret sämmtlicher Juden aus Rom viel lieber als die jetzige Art von Duldung derselben sehen würden: die Verbannten würden schon neue und gesegnetere Wohnstätten'finden!"*) Paris, im Februar. Bei der Furcht, welche in Regierungskreisen herrscht, daß die geistlichen Senatoren die kirchliche Frage — mit Unrecht nennt man sie „die religiöse", denn was hat die Religion damit zu schaffen? — vor den Senat bringen und neue Aufregung schaffen werden, bringt man in Erinnerung, daß die kaiserl. Regierung selbst es war, welche die Parität verletzt hatte, indem sie die französischen Cardinäle zu geborenen Senatoren machte; dagegen die protestantische und israelitische Confession leer auSgehen ließ. Hier ist eS immer der erste Schritt, der entscheidende Consequenzen nach sich zieht. Man kann viel leichter etwas groß machen, als nach Belieben wieder verkleinern. Denn jede Machtvergrößerung erhöht auch die Bedeutung nach innen. — Belgien. Brüssel, 5. Februar. (Privatmitth.) Ich glaube, es werde nicht unpassend sein, an dieser Stelle Einiges über den Stand der Dinge in Belgien, wie sich solche in der Presse und der öffentlichen Meinung infolge der päpstlichen Enchklica gestalten, zu berichten, um so mehr als vielleicht nirgends anders die Unhaltbarkeit des Systems, zugleich liberal und Rom unter- *) Ein jüdisches deutsches Blatt/) welches von Täuschung und Unwahrheiten lebt, gab neulichst Renan für einen „gelausten Juden" aus. Es ist durchaus falsch. 0 Auch ein nichtjüdisches Blatt hier hat diese Sünde begangen! Corrector N. thänig sein zu wollen, schroffer zu Tage kommt als gerade hier. Ja wahrlich, die Verlegenheit unserer „liberalen" Katholiken, geführt von den Herren Dechamps und Coomans, ist nicht geringe! Diese Leute haben auf allen Tönen gesungen, die wahre Freiheit gehe von der „Kirche" aus, die letztere allein sei von jeher demokratisch; sie verlangten z. B. die Ausdehnung des Stimmrechts, am Ende gar das sullrage umversel; wohlweislich aber nur in gewissen flandrischen Land- Gemeinden, wo der Herr Pfarrer dann seine lieben Bauern zur Wahlurne geführt hätte! — Und nun kommt wie ein Blitz aus hellem Himmel die Enchklica und beweist den am wenigsten Hellsehenden, welches Maß von Freiheit und Fortschritt man von Rom zu erwarten hat. Was thun, um die liberale Maske zu retten? Der frühere Minister und Staatsmann Dechamps setzt sich und schreibt einen langen Aufsatz in der katholischen Monatsschrift „la Revue g6n6rale“, voll von Protestationen seines glühenden Patriotismus, seiner Liebe zu den Institutionen Belgiens, die „dem Genie der Nation und den Bedürfnissen des Augenblicks passen" u. dgl. mehr. Aber Herr Dechamps ist auch ein unterwürfiger Sohn des heiligen Vaters und er vertheidigt die Enchklica, „denn sie ist blos gegen die Irreligiosität und den Unglauben, also gegen die Freidenker und Atheisten gerichtet." Was denken die lieben Leser dies. Zeitg. von dem Sprung? Wir alle haben (und ganz Europa mit uns) in der Enchklica ganz andere Dinge gelesen: wir rieben uns anfangs die Augen, denn wir glaubten uns ins goldene Mittelalter versetzt, als wir die Gewissensfreiheit und die Toleranz — diese allerheiligsten Errungenschften der modernen Menschheit — verpönt und verdammt sahen. Die liberale Presse, Indöpendance, Echo du Parlement, an der Spitze, blieben nicht mäßig und die Sophismen deS Herrn Dechamps werden seine Partei nicht hindern, auf immer gekennzeichnet zu bleiben. Mittlerweile hat man auch nach Rom geschrieben und nun liest man, zur weiteren Beruhigung der guten Belgier, in der Civiltä cattolica: „Die Katholiken Belgiens hätten ganz richtig die Enchklica aufgefaßt, denn dieselbe widersetze sich weder der belgischen Verfassung noch den Rechten und Pflichten der Belgier; und ihren rechtmäßigen politischen Freiheiten."

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