Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1865)
- Date
- 1865-02-07
- Page
- Seite 83 (sequence 5)
- Language
- German
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standen, so stand der Talmud doch auch nicht an, einer Zeit zu gedenken, wo die Spitze des damaligen Judenthums, der Patriarch Hillel der Jüngere (um 340), jenen Glauben abzuschwächen und den Messias schon in dem Könige Chiskijah gekommen zu erklären suchte, um das zu einem Aufstande und zur Annahme eines Messias geneigte Volk zurückzuhalten (wie denn auch bald ein unglücklicher Aufstand in Sepphoris geschah). Allerdings wurde Hillel deshalb von einem andern Rabbi getadelt, aber, was man auch einwendet, es ist bezeichnend, daß er darum nicht zu den Ungläubigen oder Sectirern gezählt wurde und an seiner Autorität nichts verlor.*) Ist es doch derselbe Hillel, der das Geheimniß des Kalendariums veröffentlichte, um den zerstreuten Juden die Berechnung der Festtage unzweifelhaft und sie von einem Patriarchate freizumachen. Ebenso griff man zu einer andern Zeit zu dem Hilfsmittel, den MessiaSglauben zwar für unantastbar zu erklären, aber denjenigen mit dem Fluche zu beladen, der die Zeit seiner Ankunft zu berechnen oder anzugeben wage. Scheiterte man nun auch in unseren Tagen, wie es vorauszusehen war, mit jenem Versuche, da unsere Zeit am wenigsten geeignet ist, sich um solche fragliche und der Wirklichkeit fremde Glaubensspeculationen in Bewegung fetzen und von ihrem Wege sich beirren zu lasten: so hat man doch die Hoffnung nicht aufgegeben, irgend einen Punkt zu finden, von wo aus man einen Riß im Hause Israel machen und es zersprengen könnte. Diese Hoffnung spricht sich in einem Pamphlet „Offen und ehrlich! von S. Kutna, Rabbiner in Kaposvar" aus, welches zu beweisen unternahm, daß der Glaube an einen persönlichen Messias aus dem Hause David ein unbedingtes Erforderniß des Judenthums sei, so daß, wer diesen Glauben nicht habe, ein „Abtrünniger, Renegat, der ewigen Seligkeit untheilhaftig" sei und daß allerdings ein Schisma unter den Juden bestehe.; Dieser Mann glaubte, wie er es wiederholt selbst ausspricht, daß er für diese papierne Heldenthat zum Märtyrer und mit Schimpf und Verfolgung überhäuft werden würde. Es scheint also mit seinem Glauben überhaupt schlimm zu stehen, da er sich in diesem seinen Glauben völlig getäuscht findet. Die er am *) Sanhed. 99, 1. R. Joseph sagt: ir»b byn Sb „möge der Herr dem R. Hillel verzeihen!" Dies ist gewiß der leiseste Tadel und keine Spur von Verketzerung. Aber die Neuorthodoxen besitzen ebenso wenig den Geist wie die gründliche Kenntniß des Talmuds. meisten angriff, haben völlig geschwiegen und das allge^ meine Publicum hat ihn gänzlich ignorirt. Wenn wir bei dieser Gelegenheit seiner erwähnen, so wird ihm dies einige Balsamtropfen in die Wunde der getäuschten Hoffnung und Eitelkeit flößen. Er hat auch von uns nichts Schlimmes zu erwarten. Denn daß ein solcher Wahrheitsheld einige Wahrheiten übelnehmen werde, wollen wir nicht hoffen. In seinem Gerechtigkeitsgefühl müßte er sich sagen, daß er für seine zahllosen Schmähungen und Verdrehungen viel mehr verdient hätte. Verdiente Strafe ist aber kein Zeichen deS Märtyrers. Nuu, seine Broschüre hätte den Titel führen müsten: „Offen, aber unehrlich!" Denn um nur Eins anzuführen, ist es eine offenbare Lüge, wenn er behauptet, daß vor drei Decennien „die Helden der Neologie den Jrrthum mit Freuden ausgenommen, genährt und gepflegt, daß die ersehnte Emancipation nur um den Preis des Verrathes an dem heiligen Glauben der Väter erkauft und erlangt werden konnte." Im Gegentheil, in der Zeit, wo von Regierungsseite die Ansicht aufgestellt wurde, daß man unter den Juden zwischen den Stabilen und Gebildeten einen Unterschied machen und nur die letzteren emancipiren solle, erhoben sich z. B. Zunz und Jost im Namen aller gebildeten Juden mit Entrüstung gegen jede religiöse Bedingung, gegen jede Unterscheidung und Classificirung der Juden für die Emancipation. Man lese alle Streitschriften von Mendelssohn bis heute, die über das Judenthum gewechselt worden sind, ob nicht gerade die sog. Neologen jeden Angriff gegen das Judenthum, orthodoxes oder reformistisches, mit Energie zurückweisen und bekämpfen, während „die Helden der Orthodoxie" die Hände in den Schoß legten.*) Zeigt doch eine einzige dieser Schriften vor, wo gesagt wird: ja, betreffs des orthodoxen Judenthums habt ihr Recht, uns aber trifft dieses nicht mehr. Ja, es ist den Vertheidigern des Judenthums nicht selten vorgeworfen, daß stein ihrem Eifer zu weit gehen und selbst offenbare Schwächen ihren Gegnern gegenüber nicht sehen oder doch verdecken wollen. An dieser einen Feder wird man den Vogel erkennen, und wir gehen hierin nicht weiter > weil wir es unter der Würde der Sache und unter unserer eigenen finden, persönlich zu werden. Was nun den Gegenstand selbst *) Wir verweisen beispielsweise auf den „Charakter des Judenthums von I. Wolf und G. Salomon." Letzterer gehört doch sicherlich für die Neuorthodoxen zu den Neologen.